
Eine bessere Versorgung rheumakranker Menschen ist möglich - Deutsche Rheuma-Liga stellt Aktionsplan Rheuma vor
Bonn/Berlin, 9.10.2006. Viel zu viele Patienten mit rheumatischen Erkrankungen erhalten derzeit in Deutschland keine rechtzeitige oder angemessene Therapie. Es fehlt vielerorts an Rheumatologen. Bis zu sechs Monate müssen Betroffene auf Termine beim Facharzt warten. Frühsprechstunden zur Abklärung von Verdachtsdiagnosen sind zu wenig bekannt, Primärärzte nicht ausreichend ausgebildet. Auf diese und zahlreiche weitere Defizite in der Versorgung rheumakranker Menschen weist die Deutsche Rheuma-Liga aus Anlass des Welt-Rheuma-Tages, 12. Oktober 2006, in ihrem erstmals erarbeiteten Aktionsplan Rheuma hin. Mit der eindringlichen Bitte, sich für chronisch rheumakranke Menschen einzusetzen, überreicht der Verband den Aktionsplan Rheuma heute an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.
„Mit unserem Aktionsplan richten wir uns an alle, die Verantwortung tragen und ihren Part haben in der Betreuung und Versorgung rheumakranker Menschen“, erläutert Professorin Dr. Christine Jakob, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga vor der Presse in Berlin. Der Maßnahmenplan beinhaltet für einzelne Krankheitsbilder, wie Arthrose, entzündliches Rheuma, Fibromyalgie oder auch Rheuma bei Kindern, konkrete Empfehlungen zur Prävention, medizinischen Versorgung, Rehabilitation, sozialen Sicherung und Forschung. Unter dem Motto „Rheuma braucht eine starke Stimme“ wird die Deutsche Rheuma-Liga in den kommenden Wochen und Monaten Gespräche auf Bundes- und Landesebene führen mit Verantwortlichen in Ministerien, Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und Ärzteorganisationen, um Schwachstellen aufzuzeigen und auf längere Sicht Verbesserungen zu erreichen. Zunächst geht es dabei um einen besseren Zugang zum Rheumatologen.
Welch schicksalhafte und letztlich für die Allgemeinheit kostenträchtige Folgen es hat, wenn Patienten nicht vom Rheumatologen mit betreut werden, zeigen Ergebnisse der Kerndokumentation der Deutschen Rheumaforschungszentren. Professorin Dr. Gromnica-Ihle, Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, berichtet von einer Stichprobe der Berliner Kerndokumentation: „Die Auswirkungen waren, dass nach drei Jahren 57 % der nicht-rheumatologisch betreuten Patienten und nur 28 % der Patienten in rheumatologischer Mitbehandlung auf Grund ihrer Rheumatoiden Arthritis (RA) arbeitsunfähig waren.“ Positiv ausgedrückt: Wer gut betreut wird, hat gute Aussichten, trotz schwerer Krankheit weiter im Beruf zu bleiben.
Nur eine Minderheit der Kranken erhält jedoch nach den Ergebnissen der Kerndokumentation eine leitliniengerechte Versorgung Die RA - Patienten bekommen zu selten und zu spät die notwendigen medikamentösen und ergänzenden Maßnahmen wie Patientenschulung, Krankengymnastik und Ergotherapie. „Letztlich erhöhen sich so die Krankheitskosten durch den schlechten Gesamtzustand der Betroffenen dramatisch“, erläutert Gromnica-Ihle.
Angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft müsse auch den Arthrose- und Osteoporoseerkrankten mehr Aufmerksamkeit in Forschung und Therapie zuteil werden, fordert die Deutsche Rheuma-Liga. „Die vorliegenden Therapieleitlinien werden nicht konsequent beherzigt“, so Christine Jakob. „Insbesondere die Möglichkeiten der konservativen Therapie werden nicht ausgeschöpft.“ Für das weit verbreitete Krankheitsbild Fibromyalgie fordert der Verband weiterreichende Forschung und begrüßt, dass endlich verbindlichen Therapieleitlinien erarbeitet werden.
Mit Blick auf die aktuelle Gesundheitsreform mahnt der Verband: Chronisch Kranke nicht noch weiter finanziell zu belasten. Viele Rheuma-Betroffene sind gezwungen, ihre Arbeit aufzugeben und geraten in extreme Existenznot. Fahrtkosten zum Arzt, Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Medikamente und Hilfsmittel des täglichen Gebrauchs müssen selbst bezahlt werden. „Die Chronikerregelung reicht nicht aus, um soziale Härten abzufangen“, erklärt die Rheuma-Liga. „Diese Menschen brauchen Entlastung und nicht noch mehr Belastung.“ Alle notwenigen krankheitsbezogenen Kosten sollen in die Belastungsgrenze von einem Prozent des Einkommens eingerechnet bzw. bei ALG II, Sozialhilfe und Grundsicherung vom Leistungserbringer übernommen werden.
„Viele Betroffene stoßen auf Unverständnis in ihrer Umwelt“, schildert Helga Jäniche, Vorstandsmitglied der Rheuma-Liga Bundesverband, ihre Erfahrung aus langjähriger Beratungsarbeit. Mit dem Aktionsplan Rheuma und dem Kampagnenmaterial „Rheuma braucht eine starke Stimme“ wollen die Verbände der Deutschen Rheuma-Liga daher auch um Verständnis werben und Informationen an die breite Öffentlichkeit herantragen. Weitere Informationen gibt es im Internet: www.rheuma-liga.de
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