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Phytotherapeutika - Nutzen und Risiken


Phytotherapeutika bestehen immer aus einem der jeweiligen Pflanze eigenen Substanzgemisch. Solche Mischungen sind aus pharmakologischer Sicht problematisch: Es kann zu Schwankungen in der Wirkung kommen, bis hin zur Überdosierung je nach Anbaubedingungen der Pflanzen und Herstellung.

 

Genaue Kenntnisse  über die Wirkung einer Substanz sind oft unzureichend; dies ist aber für eine maßgeschneiderte Therapie notwendig.  

Wegen dieser Risiken und Probleme müssten Phytotherapeutika der gleichen sorgfältigen klinischen Prüfung auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit wie synthetische (also chemisch hergestellte) Medikamente unterliegen. Unverständlicherweise ist jedoch für Phytotherapeutika laut Arzneimittelgesetz ein vereinfachtes Zulassungsverfahren vorgesehen. Der wichtigste Teil der „normalen“ Zulassung, die Beurteilung zu Wirksamkeit und Unbedenklichkeit, wird somit umgangen.

 

Die Folge: Die Zulassung eines Phytotherapeutikums garantiert dem Patienten kein sicheres
Arzneimittel. Im Zusammenhang mit alternativen Heilmethoden werden Pytotherapeutika gerne als „sanfte Arzneimittel“ bezeichnet – eine werbewirksame, aber falsche Behauptung, wie man am Beispiel der drastisch abführend wirkenden Sennesblätter (zum Beispiel in Neda® Früchtewürfel oder in Agiolax® enthalten) sehen kann, vor deren eigenmächtigem Gebrauch abzuraten ist.

 

Welche Folgen die unkritische Anwendung eines Phytotherapeutikums haben kann, wird auch am Beispiel von Kava-Kava deutlich, einem Trockenextrakt aus dem Wurzelstock der gleichnamigen Südseepflanze. Vor wenigen Jahren galt es als alternatives Mittel bei Angst und Spannungszuständen, bis sich herausstellte, dass es als seltene Nebenwirkung zum Tod durch Leberversagen führen kann.

 

Grundsätzlich können zwei Arten von Phytotherapeutika unterschieden werden:
Die frei verkäuflichen Arzneimittel seriöser Hersteller, beispielsweise Extrakte aus der Teufelskrallenwurzel oder Weidenrindenextrakte gegen Fieber und rheumatische Beschwerden, sind in der Regel gut verträglich, aber von begrenzter Wirksamkeit.

Regelrecht gefährlich sind dagegen indianische, chinesische oder ähnliche  „Wundermittel“, zum Beispiel aus dem Internet. Sie können zu  Vergiftungserscheinungen führen. Zudem kann es kritisch werden, wenn der Besuch beim Arzt durch die Selbstmedikation mit diesen Präparaten herausgezögert wird.
Solche fragwürdigen Mittel werden in der Werbung in der Regel als „hochwirksam“, aber „ohne Nebenwirkungen“ beschrieben. Oft tauchen Worte wie „alte Weisheit“ oder „neueste Studien“ auf. Und selbstverständlich sind sie immer „natürlich“. Ein Beispiel ist der Noni-Saft, der angeblich gegen so gut wie alle Krankheiten von Schlafproblemen und Verdauungsstörungen über Depressionen und Bluthochdruck bis hin zu Schlaganfall und Krebs helfen soll. Gefährlich sind auch einige indische Weihrauchpräparate wegen ihres hohen Bleianteils. Wie bei den chemisch hergestellten Medikamenten sind also wissenschaftliche Erforschung und klinische Prüfung auch bei Phytotherapeutika unumgänglich.

 

Die Auswertung der Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit führt zu einer Einteilung in folgende Kategorien:

 

1. Der Nutzen ist größer als das Risiko  


 

PflanzeAnwendung
BaldrianBeruhigungsmittel
CayennepfefferRheumasalbe
ColchicumReserve-Gichtmittel
EnzianAppetitanregung
Eukalyptusextern bei Erkältungen
Fenchel bei Blähungen
FlohsamenAbführmittel
HopfenBeruhigungsmittel
Johanniskrautbei Depressionen
Kamillebei Reizmagen, Erkältungen
Kümmelbei Blähungen
LeinsamenAbführmitel
SalbeiZahnfleischpflege
TeufelskralleAntirheumatikum
Thymianbei Erkältungen
WeidenrindeSchmerzmittel/Antirheumatikum
  
Ausnahmefälle: 
SennaAbführmittel kurzfristig vor OP
Tinctura opiigegen Durchfall, kurzfristig

 

2. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist wegen mangelnder Daten nicht bestimmbar
(Aufgeführt sind nur die bei Rheuma eingesetzten Therapeutika).

 

PflanzeAnwendung
BrennnesselAntirheumatikum
WeihrauchAntirheumatikum

 

3. Das Risiko ist größer als der Nutzen

Die Nutzen-Risiko-Abwägung ist die Grundlage jeder Therapieentscheidung. Medikamente mit unklarem oder gar negativem Nutzen-Risiko-Verhältnis sollten nicht angewandt werden.

 

PflanzeRisikenAnwendung
AloenierenschädigendAbführmittel
Beinwellleberschädigend/krebserrregendWundmittel
Echinaceaschwere HautreaktionenAbwehrstärkung
EdelgamanderleberschädigendMagenmittel
Huflattichleberschädigend/krebserregendbei verschleimten Bronchien
Kava-Kavaleberschädigendbei Angstzuständen
Kreuzkrautleberschädigend/krebserregendMenstruationsstörungen
Osterluzeinierenschädigend/krebserregendWundmittel/Menstruationsbeschwerden
SchöllkrautleberschädigendGallenmitel
SteinkleeleberschädigendVenenmittel


 

Prof. Dr. med. Dirk O. Stichtenoth,

Institut für Klinische Pharmakologie,

Medizinische Hochschule Hannover 

 

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Stand: 31.03.2009
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