Serie Rheumaforschung

25.07.2019

Verordnungen von physikalischer Therapie sind ausbaufähig

Auch jenseits der Medikamente gibt es Wege, Schmerzen und Funktionseinschränkungen von rheumatischen Erkrankungen zu lindern. Ein wichtiger Therapiebaustein ist die physikalische Therapie.

Physiotherapie

Betroffene mit rheumatoider Arthritis (RA) entwickeln im Verlauf der Erkrankung häufig Funktionseinschränkungen in den Gelenken. Neben Steifigkeit, Schmerzen und Schwellungen, die bei einer erfolgreichen Therapie wieder verschwinden, kann eine Schädigung des Knochens durch wiederkehrende Entzündungen zu bleibenden Fehlstellungen und einer verminderten Beweglichkeit der Gelenke führen.

Wichtiger Baustein

Die physikalische Therapie ist jenseits der Medikamente ein sehr wichtiger Baustein in der ganzheitlichen Therapie der RA. Sie hilft, Bewegungseinschränkungen vorzubeugen, Gelenke zu lockern und Funktionsverlust wieder herzustellen. Physikalische Therapie umfasst Krankengymnastik, manuelle Therapie, Wärme- und Kälteanwendungen, Massagen und Elektrotherapie. Wie häufig Patienten mit RA tatsächlich mit physikalischen Therapiemaßnahmen versorgt werden, ist  bisher nicht gut untersucht. In der Kerndokumentation, die nur Patienten in rheumatologischer Behandlung erfasst, zeigt sich seit vielen Jahren eine geringe Inanspruchnahme von Krankengymnastik, Massagen, Ergotherapie und Rheumafunktionstraining.   

In der PROCLAIR-Studie (Linking Patient-Reported Outcomes with Claims Data for Health Services Research in Rheumatology) wurde mithilfe von Krankenkassendaten der Barmer untersucht, wie häufig Versicherte mit Diagnose einer RA eine Heilmittelverordnung erhalten und eingelöst haben. Um einzuschätzen, wie hoch der Bedarf ist, haben wir eine Stichprobe von Versicherten gebeten, Angaben zu der Anzahl ihrer betroffenen Gelenke, ihren Beeinträchtigungen in der Funktion und zur Schmerzintensität zu machen. Diese Angaben wurden mit den Krankenkassendaten zu Verordnungen von Heilmitteln verknüpft, sodass wir mithilfe dieser Stichprobe Versicherte aus allen Bundesländern in verschiedenen Altersgruppen und mit oder ohne rheumatologische Betreuung befragen konnten.  

Verordnung vom Hausarzt

Knapp die Hälfte der 2.535 Versicherten, die Angaben zu ihrem Gesundheitsstatus gemacht haben, erhielt im Untersuchungsjahr 2015 mindestens eine Verordnung von physikalischer Therapie. Am häufigsten wurde Krankengymnastik verordnet (35 Prozent der Befragten), gefolgt von manueller Therapie und Thermotherapie (je 15 Prozent). Massage und Elektrotherapie erhielten nur sechs beziehungsweise zwei von 100 Versicherten. Die Rezepte stammten überwiegend von den betreuenden Hausärzten. An zweiter Stelle verordneten Orthopäden und erst an dritter Stelle internistische Rheumatologen oder andere Fachärzte. Männliche und jüngere Versicherte erhielten seltener Rezepte für eine physikalische Therapie als Frauen und ältere Personen. In
den neuen Bundesländern und Berlin wurden deutlich häufiger Massagen, manuelle Therapie und Thermotherapie verordnet. Dagegen wurde Krankengymnastik im Osten seltener verschrieben
als in den übrigen Regionen. Es gab jedoch keinen Hinweis auf eine unterdurchschnittliche Versorgung bei niedrigem Einkommens- oder Bildungsstatus und in Orten mit kleiner Einwohnerzahl.

Patienten mit Funktionseinschränkungen, mit moderaten bis starken Schmerzen und mit mehreren druck-schmerzhaften oder geschwollenen Gelenken erhielten häufiger eine physikalische Therapie.

Tipp: aktiv nachfragen!

Die PROCLAIR-Studie zeigt, dass viele Patienten mit RA keine physikalische Therapie erhalten. Aktives Nachfragen beim betreuenden Arzt ist erlaubt, zumal bei RA die Möglichkeit einer Verordnung außerhalb des Budgets besteht (weitere Informationen).

Tipp: Physiotherapeuten finden

Die Versorgungslandkarte der Deutschen Rheuma-Liga umfasst auch Physiotherapeuten.

Autoren: Dr. Katinka Albrecht ist stellvertretende Gruppenleiterin im  Programmbereich Epidemiologie am Deutschen Rheumaforschungszentrum Berlin, ein Leibniz-Institut.

Hannes Jacobs arbeitet am Department für Versorgungsforschung an der Universität Oldenburg.

 

Gut zu wissen: Physikalische Therapie und rheumatoide Arthritis

Physikalische Therapie ist ein wichtiger Bestandteil in der Therapie der rheumatoiden Arthritis. Bei vielen Patienten kann durch physikalische Therapie einer Beeinträchtigung der funktionellen Gesundheit entgegengewirkt werden. Physikalische Therapie umfasst Massagen, Krankengymnastik, manuelle Therapie, Elektrotherapie und Thermotherapie. Diese können als Heilmittelleistungen über die Krankenkassen verordnet werden. Die Rheuma-Liga bietet ein speziell auf die Bedürfnisse Rheumabetroffener zugeschnittenes Funktionstraining an. Bei medizinischer Notwendigkeit und einer entsprechenden Verordnung übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für das Funktionstraining.

Weitere Informationen finden Sie auf unserer Seite zum Funktionstraining und in unserem Flyer. Zudem informieren die Landes- und Mitgliedsverbände vor Ort.