Mein Rheuma mag`s lieber rauchfrei!

Was verursacht eine entzündlich-rheumatische Erkrankung? Für die Entstehung spielen die familiäre Veranlagung und Umwelteinflüsse eine Rolle. Einen Faktor hat dabei jeder selbst in der Hand: das Rauchen. Ärzte und Betroffene unterschätzen die Rolle des Tabakkonsums für die Entstehung und den Verlauf einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung.

Nach den Daten der Kerndokumentation der Deutschen Rheuma-Zentren rauchen 30 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen mit Rheumafaktor positiver rheumatoider Arthritis (RA). 50 Prozent der 30- bis 44-jährigen Männer mit Morbus Bechterew sind Raucher. Von den altersgleichen Männern in der Bevölkerung unseres Landes rauchen hin gegen „nur“ knapp 40 Prozent. Dabei ist seit etwa 30 Jahren der schädliche Einfluss des Rauchens auch auf entzündlich-rheumatische Erkrankungen sehr gut untersucht.

Risiko Rauchen

Als Maß für das Rauchen rechnen Forscher den täglichen Konsum in sogenannte Packungsjahre um. Dazu multipliziert man die Zahl der täglich konsumierten Ziga - rettenpackungen (je etwa 20 Stück) mit der Zahl der Raucherjahre. Raucht jemand zum Beispiel vier Jahre lang zwei Packungen täglich, ergeben sich acht Packungsjahre. Seit 30 Jahren ist bekannt, dass Rauchen zum Ausbruch einer rheumatoiden Arthritis beitragen kann. Wer raucht oder jemals geraucht hat, hat ein um 40 Prozent höheres Risiko als ein Nichtraucher, eine rheumatoide Arthritis zu bekommen. Eine schwedische Arbeitsgruppe um Daniela Di Giuseppe betrachtete zehn Studien mit insgesamt 4.552 Patienten mit rheumatoider Arthritis. Bei der Auswertung stellten sie fest, dass Raucher mit einem bis zehn Packungsjahren im Vergleich zu Nichtrauchern ein um 26 Prozent erhöhtes Risiko hatten, an rheumatoider Arthritis zu erkranken. Raucher mit 21 bis 30 Packungsjahren hatten ein doppelt so hohes Risiko wie Nichtraucher, bei über 40 Packungsjahren blieb es ähnlich hoch. Somit haben auch langjährige Raucher ein erhöhtes Risiko für RA, selbst wenn sie nur wenige Zigaretten pro Tag rauchen. Übrigens: In Kombination mit hohem Kochsalz-Verbrauch oder Übergewicht entfaltet Rauchen noch mehr schädliche Wirkungen.

Die Spur des Rauchens

Warum gibt es eine Beziehung zwischen Rauchen und rheumatoider Arthritis? Die schwedische Arbeitsgruppe um Lars Klareskog konnte als Erste zeigen, dass der Umweltfaktor Rauchen dazu führt, dass sich bestimmte Eiweiße (Proteine) im menschlichen Körper verändern. Wissenschaftler nennen diesen Prozess „Citrul linierung“. Der Organismus nimmt diese citrullinierten Eiweiße als fremd wahr und entwickelt (Auto-)Antikörper dagegen, die sogenannten anti-Citrullin-Peptide/Protein-Antikörper (ACPA). Dieser Prozess findet offenbar zuerst in der Lunge statt. Etwa 70 Prozent der Menschen mit rheumatoider Arthritis tragen diese Antikörper in sich. Dieser Prozess kann sich viele Jahre abspielen, bevor die rheumatoide Arthritis auftritt. Weiterhin ist bekannt, dass Raucher eine höhere Krankheitsaktivität als Nichtraucher aufweisen. Übergewicht verstärkt das Phänomen zusätzlich. Bei Männern, die rauchen, wird die Chance auf eine Remission ihrer rheumatoiden Arthritis deutlich geringer. In den vergangenen Jahren haben mehrere Studien gezeigt, dass die Gelenkzerstörung bei Rauchern aggressiver verläuft als bei Nichtrauchern. Außerdem sprechen Raucher schlechter auf krankheitsmodifizierende Therapien (Basistherapie) an. Das gilt sowohl für die herkömmlichen Basistherapeutika wie Methotrexat als auch für die Biologika der Gruppe der Tumor-Nekrose-Faktor-Hemmer wie Adalimumab oder Etanercept. Eine typische Begleiterkrankung (und Todesursache) bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sind Herz-Kreislauf-Leiden. Rauchen beeinflusst auch diese Krankheiten negativ. Rauchen verschlechtert auch eine weitere Begleiterkrankung der rheumatoiden Arthritis, die „Lungenfibrose“ (Verhärtung des Lungengerüsts).

Morbus Bechterew und Rauchen

Auch bei der Bechterew’schen Erkrankung stellt das Rauchen einen wichtiger Risikofaktor für die Entstehung der Krankheit dar. Es verschlimmert den Verlauf der Erkrankung, Medikamente wirken schlechter. Das gilt insbesondere für Tumor-Nekrose-Faktor-Hemmer, auf die rauchende Betroffene schlechter ansprechen als Nichtraucher. 2016 haben zwei englische Studien und eine Auswertung des schottischen Patientenregisters diese Ergebnisse bestätigt: Raucher haben eine höhere Krankheitsaktivität, beklagen mehr Einschränkungen und haben eine schlechtere Lebensqualität. Rauchstopp führt zu einer Verbesserung des Krankheitsverlaufes und zum besseren Ansprechen auf die Therapie. Dieser „Besserungseffekt“ nur durch Beendigung des Rauchens soll 30 Prozent des Behandlungseffekts einer intensiven Physiotherapie oder 16 Prozent des Effekts der Tumor-Nekrose-Faktor-Hemmer ausmachen. Allerdings wissen wir noch nicht, wie viel Zeit bei Rauchern mit M. Bechterew vergehen muss, bis nach Einstellen des Rauchens ihr Status dem eines Nichtrauchers entspricht.

Psoriasis-Arthritis und Rauchen

Eine Schuppenflechte tritt bei Rauchern häufiger auf als bei Nichtrauchern. Das gilt auch für die Beteiligung der Gelenke, die bei Rauchern offenbar häufiger auftritt. Biologika wirkten bei Rauchern mit Schuppenflechten-Arthritis schlechter. Raucher mit Schuppenflechten-Arthritis, die einen beschwerdefreien Zustand erreicht hatten und ihre Medikamente absetzten, erlitten häufiger wieder einen Arthritis-Schub als Nichtraucher in medikamentenfreier Remission.

Rauchen, Rheuma & Familie

Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen sollten wissen, dass ihre Nachkommen möglichst nicht rauchen sollten. Damit wird es unwahrscheinlicher, dass sie eine rheumatische Erkrankung entwickeln. In aktuellen Empfehlungen und Leitlinien steht bereits, dass Ärzte bei der Erstuntersuchung rheumakranker Menschen auch die Rauchgewohnheiten erfragen sollen. Die meisten Menschen wissen mittlerweile, dass Rauchen das Risiko für Erkrankungen der Lunge bis zum Lungenkrebs erhöht und die Entstehung von Herz- und Gefäßerkrankungen begünstigt. Die Tatsache, dass Nikotin auch rheumatische Erkrankungen negativ beeinflusst, ist weitaus weniger bekannt. Es ist Aufgabe des Rheumatologen als auch der Selbsthilfe organisation, Aufklärungsarbeit zu leisten, aber auch eine Vorbildfunktion auszuüben. In der Praxis scheint das jedoch noch nicht zu funktionieren: In einer vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum koordinierten deutschen Studie bei früher rheumatoider Arthritis gab von den Betroffenen nur die Hälfte an, ihr Rheumatologe habe sie zum Thema Rauchen befragt. Die Ärzte hatten nur einem Viertel der Befragten nahe gelegt, mit dem Rauchen aufzuhören. Doch ein Rauchstopp ist eine der wichtigsten Maßnahmen, die der Betroffene selbst gegen seine Krankheit ergreifen kann.

Tipps und Unterstützung zum Aufhören

Das Portal "undefinedRauchfrei!" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet unter anderem Rauchfrei-Lotsen und ein EMail-Ausstiegsprogramm mit Coach, Sie können sich mit Gleichgesinnten in einer Communitiy austauschen und vieles mehr.

Wir wünschen Ihnen alles Gute dabei!

Autorin

Prof. Erika Gromnica-Ihle ist internistische Rheumatologin und Ehrenpräsidentin der Deutschen Rheuma-Liga.