25.09.2017

Herzlichen Glückwunsch, BAG SELBSTHILFE!

Die Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband gratuliert ihrer Dachorganisation, der BAG SELBSTHILFE, zum 50. Geburtstag. Der BAG SELBSTHILFE sind mehr als 1 Million körperlich-, geistig-, sinnesbehinderte und chronisch kranke Menschen angeschlossen, die sowohl auf Bundes- und Landesebene tätig sind als auch auf lokaler Ebene in Selbsthilfegruppen und Vereinen vor Ort. Zum Jubiläum hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Quelle: Bundesregierung/Steffen Kugler

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Quelle: Bundesregierung/Steffen Kugler

Berlin, 22. September 2017.

"Vor ein paar Wochen bin ich beim Zeitunglesen über eine kleine Nachricht gestolpert: Das
Wort "Barrierefreiheit", lernte ich da, hat es in die neue Ausgabe des Duden geschafft. Begleitet wurde es von vielen anderen Wörtern, die mehr oder weniger wichtige Entwicklungen widerspiegeln – "Willkommenskultur" zum Beispiel und "Flexitarier", aber auch "Selfiestick" und "liken". Keine Bange, ich bin heute nicht als Sprachpfleger zu Ihnen gekommen. Mir fiel nur auf, dass man "Barrierefreiheit" jetzt auch ganz offiziell "liken" darf. Und das ist doch wirklich ein schöner Nebeneffekt.

Mancher von Ihnen wird jetzt denken: Ja, ganz nett – aber was nützt mir der Duden, wenn mir gleich wieder eine Treppe den Weg versperrt? Oder wenn ich nicht alles lesen kann, was im Internet über diese Matinee berichtet wird? Der Einwand ist natürlich berechtigt. Aber wenn ein Wort, das ein so wichtiges Ziel bezeichnet, in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeht, dann ist das doch ein wichtiges Zeichen für den gesellschaftlichen Wandel, der sich in den vergangenen Jahren zugetragen hat. Es ist ein Wandel, den Sie alle mit vorangebracht haben.

Wenn wir heute Mittag, in dieser Feierstunde, auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken, dann
wird uns bewusst, wie unglaublich viel Sie erreicht haben.

1967, im Gründungsjahr der Bundesarbeitsgemeinschaft, wurde eine Behinderung in der Bundesrepublik vielfach noch als individuelles Defizit verstanden. Menschen, die mit Beeinträchtigungen lebten, galten als Objekte paternalistischer Fürsorge. Sie lebten oft isoliert von den vermeintlich "Normalen", abgeschottet hinter Mauern in Heimen und Anstalten. Getrennte Schulen und Arbeitsstätten trugen ebenfalls dazu bei, dass Menschen mit und ohne Behinderung kaum in Kontakt kamen.

Im Alltag standen Behinderte vor unzähligen Hürden: Wahllokale und Hörsäle blieben vielen genauso unzugänglich wie Kinos und Restaurants. Auch das Farbfernsehen, das 1967 freigeschaltet wurde, war alles andere als barrierefrei. Man mag es heute kaum glauben, aber wer damals im Rollstuhl saß und mit der Bundesbahn fahren wollte, der musste im Gepäckwagen reisen.

Auf der anderen Seite steht das Jahr 1967 für einen politischen und gesellschaftlichen Aufbruch, gerade auf dem Feld der Behindertenpolitik. Als die Hippies in Kalifornien den "Summer of Love" ausriefen und die Studenten in Berlin gegen den Schah protestierten, tauchte in der Bundesrepublik der Begriff "Werkstatt für Behinderte" erstmals in einem Gesetz auf. Zwei Jahre später war es Willy Brandt, der behinderte Menschen erstmals in einer Regierungserklärung erwähnte. Und weitere zwei Jahre später, 1971, sprach Bundespräsident Gustav Heinemann sie zum ersten Mal als Bürger an.

In dieser Zeit wuchs auch das Selbstbewusstsein von Menschen mit Behinderung. Sie begannen nun, für sich selbst zu sprechen. Sie machten darauf aufmerksam, dass viele ihrer Schwierigkeiten weniger mit individuellen Beeinträchtigungen zu tun hatten, sondern vor allem das Resultat gesellschaftlicher Barrieren waren. Sie wehrten sich gegen Bevormundung und Ausgrenzung und brachten so den Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik voran.

Und dafür steht die BAG Selbsthilfe bis heute: Seit einem halben Jahrhundert setzt sie sich
dafür ein, dass Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, selbstbestimmt und gleichberechtigt.

Das kann man gar nicht genug würdigen. Sie alle hier im Saal sind Pioniere der Inklusion – ein Wort übrigens, das 1967 allenfalls Anhängern der Mengenlehre, die damals in Mode kam, ein Begriff gewesen sein dürfte. Ich danke Ihnen für Ihren großen Einsatz. Und, Sie haben es vielleicht schon gemerkt: Ich freue mich, heute Mittag bei Ihnen zu sein.

Die Selbsthilfebewegung ist ein leuchtendes Beispiel für das bürgerschaftliche Engagement in unserer Demokratie. Von Anfang an verfolgte sie zwei Ziele: Sie wollte für den einzelnen Menschen da sein. Und sie wollte die Gesellschaft verändern.

Wer mit Mitgliedern spricht, der versteht schnell, was Selbsthilfegruppen für den Einzelnen bedeuten. Hier trifft man auf Menschen mit derselben Beeinträchtigung, die Verständnis für die eigene Lage haben. Hier kann man Probleme des Alltags gemeinsam lösen und sich über neue Therapieangebote informieren. Selbsthilfegruppen stiften Gemeinschaft und Lebensfreude. Und sie tragen dazu bei, dass Menschen neuen Mut schöpfen, um wieder am Leben teilzunehmen.

Die Gruppen wirken aber auch in die Gesellschaft hinein. Sie sind Keimzellen der Demokratie. Hier entstehen Impulse, Strukturen umzugestalten und für gemeinsame Rechte zu kämpfen. Hier wächst der Wunsch, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die eigenen Anliegen zu schärfen.

Selbsthilfegruppen wirken vor der eigenen Haustür – etwa dann, wenn Mitglieder die Sparkasse beim Umbau beraten, so dass auch Blinde und Rollstuhlfahrer die Geldautomaten nutzen können. Oder wenn Menschen, die an Knochenschwund leiden, in Schulen gehen, um über ihre Krankheit und Möglichkeiten der Vorbeugung aufzuklären. An unzähligen Orten in unserem Land tragen sie dazu bei, dass behinderte Menschen nicht nur Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben, sondern auch willkommen sind.

Die organisierte Selbsthilfe wirkt aber auch in den Gremien des Gesundheitswesens und den politischen Institutionen: Es ist auch das Verdienst der BAG, dass der Satz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" seit 1994 im Grundgesetz steht. Es ist auch Ihr Verdienst, dass im Jahr 2006 die UN-Behindertenrechtskonvention verabschiedet werden konnte. Und es ist gut, dass Sie sich mit Leidenschaft für die Umsetzung der Konvention engagieren.

Sie alle hier im Saal sind Demokratiearbeiter, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie wissen, wie mühsam der politische Prozess mitunter ist. Wie anstrengend es sein kann, Kompromisse zu finden. Es geht nicht immer auf geradem Weg voran. Aber die Geschichte der Behindertenpolitik beweist eindrucksvoll: Engagement lohnt sich, und zwar für alle.

Lieber Herr Dr. Danner, Sie werden es gleich ausführen: Die Selbsthilfe war immer ein Spiegel ihrer Zeit. Heute spielt die Demenz eine viel größere Rolle als vor 50 Jahren. Es gibt Angebote für Flüchtlinge mit Behinderungen oder psychischen Traumata. Nicht zuletzt kümmert sich die BAG um den Abbau von digitalen Barrieren und klärt über neue technische Hilfsmittel auf. Es ist gut und wichtig, dass Sie sich diesen Herausforderungen stellen.

Die Selbsthilfe wird auch in Zukunft unverzichtbar sein. Deshalb braucht sie vor allem eines: Junge Menschen, die sich freiwillig engagieren. Ich weiß, dass es manchmal schwierig ist, einen Nachfolger zu finden, wenn die Leiterin einer Selbsthilfegruppe ihr Ehrenamt nach Jahrzehnten aufgeben will oder muss. Aber es gibt auch Beispiele, die Mut machen. Ich habe von jungen Menschen mit Hörbehinderung gelesen, die sich über soziale Medien austauschen, Blogwerkstätten organisieren und sogar diejenigen in ihrem Verein begeistern, die keine Digital Natives sind. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass sich solche Beispiele rumsprechen.

Ich möchte noch eine Gruppe erwähnen, deren Leistung viel zu selten im Fokus steht: die Angehörigen von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung. Jene, die sich um ihre Partner, Kinder, Eltern oder Großeltern kümmern – oft zusätzlich zum Beruf. Für diese Menschen ist es ganz selbstverständlich, Verantwortung zu übernehmen, für andere da zu sein und ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Nicht selten gehen sie dabei bis an ihre körperlichen und seelischen Grenzen. Ich habe größten Respekt vor dem, was Sie leisten.

Seit meinem Amtsantritt haben mich viele Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern erreicht, die einen Angehörigen pflegen. Einige von ihnen sind verzweifelt, weil sie gegen Widerstände kämpfen müssen, um die Unterstützung zu bekommen, die sie brauchen – sei es nun ein Rollator, eine Prothese oder das persönliche Budget.

Eine Frau aus Nordrhein-Westfalen, deren Mann körperlich behindert und an Demenz erkrankt ist, schrieb mir vor wenigen Monaten, kurz nach meiner Rede beim Jahresempfang der Behindertenbeauftragten: "Ich brauche keine schönen Worte auf Papier (…). Ich brauche die Dinge, die mir das Leben erleichtern."

Danke, die Botschaft ist angekommen!

Es folgt dann ein Satz, den ich nicht vergessen kann. Die Frau schreibt: "Manchmal habe ich den Eindruck, dass alte und kranke Menschen nur ein Unkostenfaktor in der Gesellschaft sind." Ich möchte in einem Land leben, in dem kein Mensch einen solchen Eindruck haben muss. In dem man nicht mehr in Festreden erwähnen muss, dass Behinderte keine Bittsteller sind, die auf Mitleid oder Wohlwollen hoffen müssen. In meiner Amtszeit will ich dazu beitragen, das Bewusstsein für die gesellschaftlichen Barrieren zu schärfen, vor denen Menschen heute immer noch stehen, allen Fortschritten zum Trotz. Ich will dazu beitragen, dem Thema Inklusion noch mehr Gehör zu verschaffen.

"Es ist normal, verschieden zu sein." Diesen Satz hat Bundespräsident Richard von Weizsäcker gesagt, 1993 bei der Eröffnung einer Tagung der BAG in Bonn. Es war ein wichtiger, ein bleibender Satz. Ein Satz, der den Geist unserer Verfassung widerspiegelt.

Die Demokratie des Grundgesetzes erkennt an, dass wir verschieden sind. Sie stellt die Würde des Menschen in den Mittelpunkt, die unveräußerliche Würde eines jeden. Weil wir alle mit der gleichen Würde ausgestattet sind, haben wir die gleichen Grundrechte – und den gleichen Anspruch darauf, dass wir sie auch ausüben können – unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder sexueller Orientierung, unabhängig davon, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht.

Ich will hier heute in aller Deutlichkeit sagen: Es verträgt sich nicht mit unserer Demokratie, wenn Menschen ausgeschlossen werden. Es widerspricht unserer Vorstellung von einer offenen Gesellschaft, wenn Menschen im Alltag auf Hürden stoßen, die sie daran hindern, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Inklusion, das ist gelebte Demokratie!

"Es ist normal, verschieden zu sein." Aber es ist in unserem Land noch längst nicht überall normal, dass alle Menschen in ihrer Verschiedenheit dabei sein können, wenn sie das wollen – im Kindergarten und in der Schule, am Arbeitsplatz und im Wohnviertel, im Theater und auf dem Sportplatz. Es ist noch längst nicht überall normal, dass Behinderung als Teil menschlicher Vielfalt respektiert, dass Differenz als Bereicherung wertgeschätzt wird. Unser Miteinander wird im Alltag immer noch behindert: von Barrieren in der Umwelt, aber auch von Barrieren in den Köpfen.

Inklusion ist heute, 50 Jahre nach Gründung der BAG, immer noch eine große Aufgabe – für Politik und Gesellschaft, für uns alle.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir noch mehr über gelungene Inklusion sprechen. Natürlich gibt es Schwierigkeiten, natürlich gibt es auch Konflikte. So ist das in Gesellschaften, in denen die Verschiedenen miteinander leben. Das ist aber kein Grund, alles schlechtzureden und das Prinzip Inklusion zu verdammen. Denn an unzähligen Orten in unserem Land gelingt das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung heute ganz hervorragend.

Das habe ich Ostern erlebt, bei meinem Besuch in Bethel. Ich habe da einen jungen Mann kennengelernt, der in einem Integrationsunternehmen die Erfahrung macht, dass sein Autismus kein Handicap, sondern eine besondere Fähigkeit ist. Eine Fähigkeit, die gebraucht wird. Und ich habe mit einer selbstbewussten jungen Frau gesprochen, die trotz Epilepsie mitten in der Gesellschaft lebt, sich aber dafür entschieden hat, nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten, sondern in einer Werkstatt für Behinderte.

Diese Beispiele zeigen: Wenn wir über Inklusion reden, sollten wir jede Stilisierung vermeiden. Menschen mit Behinderung sind so unterschiedlich wie Menschen ohne Behinderung, sie leben auch so unterschiedlich und legen genauso viel Wert auf ihr Anderssein.

Es gibt ein Foto, das mich sehr beeindruckt hat. Es entstand im vergangenen Sommer, zur Zeit der Fußball-Europameisterschaft. Zu sehen sind Fans, die beim Public-Viewing in Düsseldorf die deutsche Nationalelf anfeuern. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass manche nicht auf die Leinwand schauen, sondern einem Blindenreporter zuhören. Dass andere auf einem Podest stehen, um überhaupt etwas sehen zu können. Menschen mit und ohne Behinderung konnten sich hier als Fußballfans begegnen. Ich bin sicher: Solche Erlebnisse stärken den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Damit die positiven Beispiele weiter zunehmen, brauchen wir politische Anstrengungen in Bund, Ländern und Gemeinden – ganz unabhängig davon, wer die jeweiligen Wahlen gewinnt. Inklusion ist und bleibt eine politische Aufgabe, die viel Geld kostet. Wer sie zum Sparmodell umfunktioniert, schadet dem gemeinsamen Ziel. Denn was uns viel wert ist, daran dürfen wir nicht sparen.

Das sage ich besonders mit Blick auf die Schulen. Denn es ist doch ganz klar: Der gemeinsame Unterricht leidet darunter, wenn es an geeigneten Räumen, an barrierefreien Texten oder an gut ausgebildeten Lehrkräften mangelt. Das darf uns nicht gleichgültig sein. Die Schule ist der Schlüssel zu einer inklusiven Gesellschaft. Je mehr junge Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden, desto weniger Vorurteile wird es geben, desto besser wird das Miteinander gelingen. Aber wenn wir gemeinsamen Unterricht wollen, dann ist es auch an uns, gute Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Inklusion ist natürlich nicht nur eine politische Aufgabe. Sie ist vor allem ein gesellschaftlicher Prozess. Ein Prozess, in dem Menschen mit und ohne Behinderung lernen müssen, menschliche Vielfalt anzunehmen und mit ihr umzugehen. Das kann nur gelingen, wenn wir die Begegnung suchen, wenn wir uns einander zuwenden und aufeinander einlassen. Wenn wir den anderen als Gleichen respektieren und bereit sind, uns für seine Rechte einzusetzen. Inklusion braucht eine Haltung der Offenheit und Solidarität.

Eine solche Haltung lässt sich nicht verordnen. Aber die unzähligen Menschen, die sich in der Selbsthilfe engagieren, Sie alle tragen mit dazu bei, dass sie wachsen kann.

Wenn ich mir zum 50. Jubiläum der BAG etwas wünschen dürfte, dann wäre es dies: Bleiben Sie leidenschaftliche Zeitgenossen. Wirken Sie weiter hinein in die demokratische Debatte, erheben Sie Ihre Stimme und mischen Sie sich ein. Sie sind es, die unsere Gesellschaft voranbringen.

Ich wünsche Ihnen und der BAG Selbsthilfe von Herzen alles Gute!"