Problemzone Nacken

Nach einem langen Bürotag macht sich der Nacken oft schmerzhaft bemerkbar. Das häufigste Übel, das uns dort zu schaffen macht, sind jedoch harmlose Verspannungen.

Etwa sieben Prozent des Körpergewichts wiegt unser Kopf – also durchschnittlich zwischen 3,5 und sechs Kilogramm. Unsere Halswirbelsäule muss das Gewicht aber nicht nur tragen. Sie stellt auch den beweglichsten Teil unseres Rückens dar. In der Entwicklungsgeschichte des Menschen war die Beweglichkeit des Kopfs stets ein echter Überlebensvorteil. Hatte man einst noch eine mögliche Gefahr sprichwörtlich „im Nacken“ sitzen, brauchen wir heute den berühmten „Schulterblick“ nicht zuletzt beim Autofahren.

Beweglich in drei Dimensionen

Nicken, Kopf schütteln oder über die Schulter schauen – all diese Bewegungen verdanken wir unserer Halswirbelsäule. Die ersten beiden Halswirbel unterscheiden sich in ihrem Aufbau erheblich von den übrigen Wirbeln. Der erste Halswirbel heißt auch C1 oder Atlas, benannt nach dem Titanen, der in der griechischen Mythologie die Last des Himmelgewölbes auf seinen Schultern trägt. Im Lauf der menschlichen Entwicklung hat der Atlas seinen Dornfortsatz verloren. Stattdessen bildet er einen Ring, in den ein Fortsatz wie ein Zahn als Drehachse (Dens axis) des zweiten Halswirbels C2 hineinragt. Der zweite Halswirbel, C2 oder Axis, bildet diesen zapfenförmigen Knochenfortsatz, der gemeinsam mit dem Atlas das Kopfgelenk bildet. Die Brustwirbelsäule dagegen ist deutlich unflexibler, vor allem in Hinblick auf Beugung, Streckung und die seitliche Neigung. Doch die Beweglichkeit des Kopfs hat ihren Preis: Die Belastung für die Muskulatur für die Haltearbeit ist größer als in anderen Bereichen des Rückens. Wer den Kopf hängen lässt, statt ihn aufrecht zu balancieren, vergrößert die Belastung der Nackenmuskeln. Die Folgen: Verspannungen und Schmerzen, aber auch degenerative Veränderungen an den Nackenwirbeln. Von 100 Besuchern beim Hausarzt kommen vier, weil sie Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen im Nacken haben. Umso wichtiger ist es, diesen sensiblen Bereich gut zu unterstützen – mit starken Muskeln.

Verspannt und verlegen?

Einen verspannten Nacken hat jeder schon mal gehabt. Eine Nacht falsch gelegen – und schon lässt sich der Kopf nicht mehr zur einen Seite drehen. Das liegt daran, dass manche Muskel- oder Sehnengruppen bei ungünstigen Haltungen stärker gedehnt werden als ihre Gegenspieler, die sich wiederum zusammenziehen. Verharrt man länger in einer Position, etwa, weil man vor dem Fernseher eingeschlafen ist, können sich die Muskeln geradezu festspannen. In solchen Fällen kann Wärme helfen, die verkrampften Muskeln wieder zu lockern. Aber auch Kälte kann helfen – nicht zuletzt deshalb gehen Fußball-Profis nach einem Spiel ins Eisbad. Kälte dämpft den Schmerz. Tipp: Ein Kühlpack aus dem Gefrierfach nehmen und in einen feuchten Waschlappen wickeln, denn die Feuchtigkeit verbessert die Tiefenwirkung. Die Zeit der Schmerzdämpfung kann man dazu nutzen, Dehnübungen zu machen, die sonst nicht so leicht möglich werden.

Legen sich die Beschwerden nicht nach wenigen Tagen, sollte man sicherheitshalber zum Arzt gehen – vor allem, wenn sich ein Krankheitsgefühl dazugesellt, als würde man einen grippalen Infekt bekommen. Dann prüft der Arzt, ob es Hinweise auf einen gefährlichen Verlauf gibt: Gibt es Hinweise auf eine Entzündung? Könnte eine bösartige Erkrankung oder gar ein Knochenbruch schuld sein? Wenn das nicht der Fall ist – und das gilt zu Beginn für die meisten Fälle – kann der Arzt ruhig darauf verzichten, ein Röntgenbild oder sogar eine Kernspin-Aufnahme zu machen.  Wer ansonsten gesund ist, kann kurzzeitig ein nicht-steroidales Antirheumatikum einnehmen, um die Schmerzen zu lindern. Nach drei bis vier Tagen, höchstens einer Woche, sollte der Nacken nach einer ein fachen Nackenverspannung wieder schmerzfrei sein.

Vorsicht, Entzündung!

Wer dagegen nachts und in Ruhe Schmerzen im Nacken hat, sollte unbedingt an eine Entzündung der Halswirbelsäule denken – insbesondere, wenn schon eine rheumatische Erkrankung vorliegt. Ein Hinweis darauf ist die Tatsache, dass schon die kleinste Bewegung Schmerzen bereitet. Außer den Gelenken können auch die Bänder entzündet sein. Laborwerte können den Verdacht erhärten, eine Untersuchung im Kernspin-Tomografen nachweisen.

Überschätzte Bandscheiben

Die tieferliegenden Nackenwirbel tragen, wie die übrigen Wirbel auch, eine Bandscheibe. Und selbstverständlich kann ein Bandscheibenvorfall auch die Halswirbelsäule betreffen. Das ist allerdings recht selten. Und selbst wenn sich die Bandscheibe so vorwölbt, dass sie auf die Nervenstränge drückt, ist das nicht unbedingt ein Fall für eine Operation. Entscheidend ist vielmehr, ob ein gefährlicher Verlauf vorliegt. Alarmsignale sind beispielsweise Gefühlsstörungen oder ein Kraftverlust in Fingern, Händen oder Armen. In diesem Fall sollte man einen Neurologen mit zurate ziehen. Erhärtet sich der Verdacht in einer Kernspin- oder Magnetresonanzuntersuchung und nehmen die neurologischen Ausfälle mit Kraftminderung oder gar Kontrollverlust beim Wasserlassen oder Stuhlgang zu, ist eine Operation unvermeidlich. Häufig reicht aber auch bei leichten und im Verlauf abnehmenden Gefühlsstörungen eine antientzündliche Therapie. Und nicht zuletzt kann der Betroffene selbst viel tun, damit es ihm rasch wieder besser geht: Physiotherapeutische Übungen können dazu beitragen, die betroffene Struktur zu stabilisieren. Allerdings sollten Ärzte mit dem Begriff „Bandscheibenvorfall“ vorsichtig umgehen. Häufig fühlen sich Betroffene nach dieser Diagnose kränker, als sie sind. Nicht zuletzt spielt auch die Psyche eine wichtige Rolle bei der Frage, ob solche Beschwerden chronisch werden oder nicht.

Die Angst sitzt im Nacken

Doch auch Angst und starke seelische Belastungen können uns regelrecht im „Nacken sitzen“ beziehungsweise „den Kopf nicht mehr anheben lassen“. So fällt es bei einer niedergeschlagenen oder depressiven Stimmung in jeder Hinsicht noch schwerer, den Kopf aufrecht zu halten. Wenn der Kopf nach vorn geneigt ist, müssen die Schulter- und Nackenmuskeln stärker arbeiten. So manchen Nackenschmerz könnte man auch Überlastungsschmerz nennen – „Ich habe mehr Spannung, als ich aushalten kann“. In unserer Münchner Schmerzambulanz versuchen wir, den Menschen ganzheitlich zu sehen. Wir erfassen den Körper mit seinen Funktionseinschränkungen und diagnostizieren natürlich, welche Strukuren betroffen sind. Aber wir betrachten auch psychologische und soziale Faktoren, die die Beschwerden beeinflussen können.

Spätestens wenn eine Schmerztablette nicht wirkt und eine Dehnübung keinerlei Wirkung zeigt, sollte man überlegen, welche weiteren Belastungsfaktoren hinzukommen. Das können Familie und die aktuelle berufliche Situation sein, aber auch Erfahrungen aus der Vergangenheit, die jemanden geprägt haben. Seelische Beschwerden können Schmerzen begünstigen und chronische Schmerzen wiederum können seelische Beschwerden begünstigen. Wir nutzen dabei therapeutisch den Effekt, die Seele über den Körper positiv zu beeinflussen. Dazu gehört bei uns ein Ausdauertraining mit leichter bis mittlerer Anstrengung, etwa rasches Spazierengehen, Walking, Schwimmen oder Training auf dem Ergometer. Darüber hinaus kann eine Psychotherapie wie die kognitive Verhaltenstherapie Betroffenen helfen, die Anspannung loszulassen – im physikalischen wie im übertragenen Sinne. Im Rahmen der Psychotherapie arbeiten wir daran, vorhandene Ängste oder depressive Stimmungen zu behandeln, um negativen Einflüssen auch auf den Körper entgegenzuwirken. Auch unabhängig davon ist ein wichtiges Therapieziel in der Schmerztherapie, Belastungen und negative Gefühle nicht zu nah an sich heran zulassen und insgesamt weniger Stress zu fühlen.Es gibt verschiedene Strategien, wie man dieses Ziel erreichen kann, zum Beispiel, indem man seine Grenzen akzeptiert, Belastungen anpasst, Pausen in den Alltag einbaut, Entspannungsübungen macht, mit seinen Sinnen zum Beispiel die Atmung bewusster wahrnimmt oder die Aufmerksamkeit weg vom Schmerz zu den eigenen Stärken oder Aktivitäten lenkt. Dies kann dazu beitragen, Funktion und Lebensqualität zu gewinnen.

Der übertragene Schmerz

Ein verspannter Nacken kann auch an ganz anderen Körperstellen Beschwerden auslösen. So können auch Kopfschmerzen auf Nackenverspannungen zurückgehen. Mediziner sprechen in diesem Fall von myofaszial getriggerten Schmerzen. Ein typischer Kandidat für dieses Problem ist der Trapez-Muskel, der sich insgesamt wie ein Trapez bzw. beidseits der Wirbelsäule dreiecksförmig zwischen Wirbelsäule (vom Hinterkopf bis zur unteren Brustwirbelsäule) und den Schultern aufspannt. Häufig finden sich Schmerzpunkte in diesem Bereich, Schmerzen können auch in Stirn, Schläfen, Nacken, in die Schultern ausstrahlen und von der Kaumuskulatur können sogar Zahnschmerzen ausgelöst werden. Auch haubenartige Spannungskopfschmerzen gehen häufig auf Verspannungen im Nacken zurück. Liegt keine Entzündung vor, kann man durch manuelle Therapie oder Physiotherapie den Kopfschmerz lindern.

Autor

Dr. Andreas Winkelmann ist Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Sportmedizin, Manuelle Medizin/Chirotherapie und hat eine Zusatzausbildung als Ernährungsmediziner. Er ist Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Orthopädie, Physikalische Medizin und Rehabilitation am Klinikum der Universität München. Außerdem leitet er den Bereich Musikermedizin, die Tagesklinik für Fibromyalgie und ist Co-Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz am Campus Innenstadt.