Ausgezeichnete Inspiration

1. Preis Uli Horn 2014

Wahrhaft künstlerisch präsentierten sich viele der über 60 Einsendungen zum Uli-Horn-Preis 2014. Wir stellen die glücklichen Gewinner vor.

Ob ein aufwendiges Papier-Origami im Miniaturformat, die Acryl- oder Aquarellmalerei, textiles Gestalten, eine außergewöhnliche Sammelleidenschaft, das Engagement für den Naturschutz oder ein körperlich anspruchsvolles Hobby, wie Tauchen, Klettern, Segeln oder Mountainbikefahren: Die sechsköpfige Jury war sehr beeindruckt von der Vielzahl der unterschiedlichen, teils äußerst kreativen und ausgefallenen Hobbys und der zahlreichen Geschichten, Krankheitsverläufe und Bewältigungsstrategien, die hinter den Einsendungen stecken. Offensichtlich spielt das Thema Hobby und vor allem kreative Freizeitbeschäftigung eine große Rolle für die Mitglieder der Rheuma-Liga.

Rhythmus im Blut

Elke Schmell, Foto: privatAngesichts der großen Zahl der Einsendungen fiel der Jury die Auswahl der zehn Gewinner äußerst schwer. Dennoch musste eine Entscheidung fallen. Und so kürte die Jury Elke Schmell aus Bad Kreuznach zur Gewinnerin des Uli-Horn-Preises 2014. 

Ursprünglich wollte die heute 49-Jährige mit dem Schlagzeug „nur“ ihre Koordination und ihren Kopf trainieren: Da man beim Schlagzeugspielen beide Hände und Füße unabhängig voneinander einsetzen muss, gilt es als gutes Gehirnjogging. Ihr Mann schenkte der von rheumatoider Arthritis (RA) Betroffenen eine Snare-Drum zu Weihnachten, doch ohne Unterricht kam sie nicht weit. „Auf einem Konzert habe ich dann den Schlagzeuger gefragt, was ich tun kann – und kam so zu meinem Schlagzeuglehrer“, berichtet Elke Schmell.

Mittlerweile hat sie ein eigenes Musikzimmer, um ihre Instrumente unterzubringen und um ungestört zu üben. Inzwischen gehört sie sogar einer Percussion-Band an, die zum Beispiel auf Festen oder in der Fußgängerzone auftritt. „Ich bin die einzige Frau. Aufgrund meiner Erkrankung kann ich natürlich nicht so schnell spielen wie die Jungs, aber das ist egal“, lacht sie. Zwar ist sie vor jedem Auftritt nervös und sorgt sich, ob ihre Kraft für die geplanten Trommel-Soli ausreicht. „Aber es geht trotzdem gut“, freut sie sich.

Bei den Proben mit der zwölfköpfigen Band kommt sie gleichfalls an ihre Grenzen: „Nach zwei Stunden bin ich schon ganz schön ausgepowert. Aber es tut mir auch gut. Die Töne, der Klang, teilhaben an der Gemeinschaft – das ist ein schönes Erlebnis.“ Positiver Nebeneffekt: Ihre Brust-, Rücken- und Oberarm-Muskulatur ist inzwischen sehr kräftig. Und wenn sie bei Konzerten im Publikum sitzt, hört sie mittlerweile viel intensiver zu. „Ich schätze das jetzt viel mehr, weil ich weiß, wie schwierig Schlagzeugspielen ist.“

Darüber hinaus spielt Elke Schmell Elektro-Rollstuhl-Hockey. „Dabei wird mein Schläger am Rollstuhl befestigt. Ich spiele in der Abwehr“, berichtet sie. Elke Schmell ist mit 14 Jahren an RA erkrankt. Ihren Alltag und auch ihre Auftritte und Spiele organisiert sie mithilfe ihrer Persönlichen Assistenz (Arbeitgeber-Modell, siehe mobil 1/2014). Da auch ihr Mann im Rollstuhl sitzt, ist praktisch rund um die Uhr jemand da, der den Schmells assistiert. Darüber hinaus war sie früher bei der Rheuma-Liga im Landesverband Rheinland-Pfalz fest angestellt und war langjährige Beraterin beim Rheumafoon. Über die Auszeichnung mit dem Uli-Horn-Preis freute sie sich riesig: „Schlagzeugspielen lernen hat mein Leben verändert!“

Außergewöhnliche Post

Als Barbara Ketterer in den Achtzigerjahren einen Brief an ihre Schwester schrieb, die im Krankenhaus lag, wusste sie noch nicht, dass damit ihre große Leidenschaft begann. „Auf der Briefmarke, die ich aufklebte, war Wolfgang Amadeus Mozart abgebildet“, erinnert sich die heute 76-Jährige. „Da kam mir die Idee, meine Schwester im Krankenhausbett zu malen. Sie träumte von Musik, von Kuchen und vom Kaffee. Die Adresse schrieb ich auf die „Bettdecke“, die Marke war mit ins Bild einbezogen.“ So war die Idee geboren, Briefumschläge auf diese Weise ganz individuell zu gestalten und dabei das Motiv der Briefmarke weiterzuentwickeln.

Um die schönsten Marken für die Motive auszuwählen, geht Barbara Ketterer regelmäßig in ihre Postfiliale und sichtet die neuesten Postwertzeichen. Dort lässt sie auch die Stempel nach Wunsch setzen, damit sie möglichst gut in das kleine Kunstwerk hineinpassen.

Jetzt in der Weihnachtszeit hat sie Hochkonjunktur, denn auch die Festtagspost wird entsprechend gestaltet. „Für einen Brief nebst Umschlag brauche ich einen ganzen Abend. Aber ich habe ja Zeit – und keinen Fernseher“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Besonders gut gelungene Umschläge kopiert sie sich vor dem Versand oder bittet die Empfänger um Rückgabe. Mit ihrer Kunst war sie sogar schon mal in einer Ausstellung.

Zur Deutschen Rheuma-Liga kam Barbara Ketterer – wie viele Mitglieder – über das Funktionstraining. Schon als Jugendliche hatte sie sich den Oberschenkelhals gebrochen. Warum ihre Knochen geradezu „morsch“ sind, weiß niemand – möglicherweise eine Folge der Hungerzeiten im und nach dem 2. Weltkrieg, den Barbara Ketterer, Jahrgang 1938, als Kleinkind überstand. Seit ihrem 40. Lebensjahr hat sie starke Rückenschmerzen, Spritzen waren an der Tagesordnung. Mittlerweile hat sie Arthrose und eine künst liche Hüfte. Für Barbara Ketterer kein Grund, aufzugeben. Sie hält sich nicht nur mit dem Funktionstraining fit, sondern auch mit einem Dehn- und Kräftigungsprogramm, das sie täglich zu Hause absolviert: Zweimal eine Viertelstunde täglich gehören für sie zur Tagesordnung. „Ich bin da sehr diszipliniert“, lacht sie. 

Abtauchen mit RA

Diane Berghaus, Foto privatDie Dritte im Bunde der Hauptgewinner ist Diane Berghaus aus Essen. Mit ihrem außergewöhnlichen Hobby hat die Wassersportlerin aus Essen beim diesjährigen Uli-Horn-Preis den dritten Platz belegt. Zum Tauchen kam sie durch ihren Lebensgefährten, der als Feuerwehrmann unter anderem beruflich taucht.

Im Jahr 2000 entschied sie sich, den Sport-Tauchschein zu machen. Die Schwerelosigkeit unter Wasser zog sie von der ersten Sekunde an in ihren Bann. „Ich habe mich durch alle Höhen und Tiefen meiner Krankheit immer wieder ins Wasser geschleppt, weil ich dort am besten entspannen kann“, betont Diane „Ane“ Berghaus.

Hobbys als Auszeit

Das Motto „Auszeit von der Krankheit“ trifft auf alle drei Gewinnerinnen zu: Sie berichten unisono, dass ihre Hobbys sie von der Krankheit, von Schmerzen und Einschränkungen ablenken, ihnen neue Kontakte und Anerkennung bescheren und mit dazu beitragen, ein bestmögliches Leben trotz einer rheumatischen Erkrankung zu führen. Und das gilt für viele Bewerber.

Zur Autorin

Julia Bidder ist Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift mobil