Hoch hinaus!

„Ich lebe meinen Traum“ – unter diesem Motto stand der Uli-Horn-Preis 2016. Die Siegerin Sigrid Wollny überzeugte die Jury mit ihrem ungewöhnlichen Weg: Aus einem großzügigen Reihenhaus zog sie in eine Wohnung im Hochhaus. Seither genießt sie ihre neue Freiheit.

Eine Kindheit auf dem Land - so romantisch das klingt, für Sigrid Wollny bedeutete das, dass sie täglich mithelfen musste: im Haushalt, im Garten und auf dem Feld. Der Familie blieb wenig Zeit für Spiele oder gemeinsame Ausflüge.
„Ich  beneidete meine Freundin, die mit ihren Eltern in einer Vierzimmerwohnung im Hochhaus aufwuchs. Alle hatten immer viel Zeit füreinander. Der Balkon faszinierte mich, von dem aus man einen wundervollen Blick hatte. Alles schien so unkompliziert. Fuhr man in den Urlaub, konnte man die Wohnung einfach abschließen“
, erinnert sich die 58-Jährige. So formte sich vor vielen Jahrzehnten ihr Traum: später einmal im Hochhaus mit viel Freiheit zu wohnen.

Nach dem Studium zog Sigrid Wollny mit ihrer Familie in ein Reihenhaus mit 240 Quadratmetern Wohnfläche und einem Garten. Im Laufe der Jahre kostete die Bewältigung von Beruf, Haus und Familie Sigrid Wollny immer mehr Kraft. „Zwar war das Leben in der Stadt schon freier“, erinnert sie sich. „Doch Beruf, Familie und Hausarbeit forderten mich zusehends.“ Als sie 43 Jahre alt ist, erkrankt sie an rheumatoider Arthritis. Später kommen noch Vaskulitis und Sjögren-Syndrom hinzu. Zahlreiche Einschränkungen an den Gelenken und Operationen folgen. Die Haus-und Gartenarbeit bereiten ihr immer mehr Mühe, das Gehen fällt schwer. Sigrid Wollny wird vorzeitig verrentet. Dann zerbricht auch noch die Ehe und für Sigrid Wollny scheint es an der Zeit, etwas zu verändern. Die Kinder sind inzwischen erwachsen und wohnen nicht mehr daheim. Als sie wieder einmal im Rollstuhl saß und auch keine Treppen mehr gehen konnte, riet der Arzt zum Umzug.

Der Kindheitstraum vom Hochhaus schien die perfekte Lösung zu sein. Gemeinsam mit der Tochter fand Sigrid Wollny in der Nähe eine renovierungsbedürftige Wohnung im Hochhaus. „Ich ließ die Wohnung barrierefrei umbauen. Ein ebenerdiges Bad war mir dabei genauso wichtig wie breite Türen“, erzählt sie. Den Balkon ließ sie erhöhen, um problemlos ins Freie zu gelangen. „So entstand mein Schatzkästchen im zwölften Stock“, erzählt sie stolz. Das Haus vermietete sie, um die Eigentumswohnung zu finanzieren.
Nach der Wohnung fand sie auch einen neuen Partner, wenn auch über 600 Kilometer entfernt. Sie pendeln, so oft es geht. Für den Notfall weiß sie schon, in welche Klinik sie vor Ort gehen kann. „Ich habe akzeptiert, was geht und was nicht. Ich bin glücklich, so wie es jetzt ist. Es ist schön, wieder jemanden zu haben, der mich nimmt wie ich bin und mir in schlechten Zeiten beistehen kann“, resümiert sie. Ihre Wohnung aufzugeben ist kein Thema. Zu verwurzelt ist sie auch in Hinsicht auf ihre Rheuma-Liga AG, in der sie ehrenamtlich aktiv ist. Wenn auch ihr Partner in Rente ist, will das Paar in der Sonne überwintern. Das ist dann aber schon wieder ein neuer Traum.

mobil-Redakteurin Christiane Wendel war begeistert von dieser ungewöhnlichen  Umzugsgeschichte.