Wenn die Kraft im Alter nachlässt

Muskeltraining ist eine wichtige Maßnahme bei alterbedingtem Muskelschwund (Sarkopenie), Foto clipdealer

Ein wichtiges Thema auf dem jüngsten Osteologie-Kongress in Berlin war die Sarkopenie. Der Begriff stammt aus dem Griechischen (sarx = Fleisch + penia = Verlust) und bezeichnet ein Syndrom, das mindestens jeden zweiten Menschen über 80 betrifft. Kennzeichnend sind der Verlust von Muskelmasse sowie die Abnahme der Muskelkraft und der körperlichen Ausdauer. Menschen mit Sarkopenie haben eine geringe körperliche Leistungsfähigkeit, eine höhere Neigung zu Stürzen – und damit zu Knochenbrüchen. Zudem verschlechtert sich die Lebensqualität und es droht der Verlust der Selbstständigkeit. Sarkopenie- Patienten sterben früher als Gleichaltrige ohne altersbedingten Muskelschwund. Hinzu kommt, dass Sarkopenie und Osteoporose häufig gemeinsam auftreten.

Übergewicht und Sarkopenie

Wenn im Alternsprozess die Muskelmasse abnimmt, kann sich an Stelle fehlender Muskelfasern Fettgewebe ablagern. Zusätzliches Fett sammelt sich auch rund um die Taille an. Somit ist eine Sarkopenie bei jedem Gewicht möglich. Die Kombination von Sarkopenie und Übergewicht („sarkopenische Adipositas“) ist besonders problematisch, weil das übermäßige Körperfett zusätzlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigt. Das alleinige Messen des Körpergewichts sagt also genauso wie der Body- Mass-Index nichts darüber aus, ob genügend Muskelmasse vorhanden ist.

Geh-Tempo als Hinweis

International ist für die Diagnose eine Stufenleiter festgelegt. Einen ersten Hinweis gibt das Geh-Tempo über eine Strecke von vier Metern. Sie sollte auch bei Menschen über 65 Jahren über 0,8 Meter pro Sekunde liegen. Zudem misst der Arzt die Stärke des Griffs, ein Maß für die Muskelkraft der Hand, mit einem Handkraft-Messgerät. Ein Sarkopenie-Verdacht besteht, wenn die Griffstärke bei Männern über 65 Jahren unter 30 Kilogramm (Frauen: 20 Kilogramm) beträgt. Schließlich kann die direkte Muskelmasse durch die Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) gemessen werden, eine Methode, die in ähnlicher Weise auch bei der Knochendichtemessung Anwendung findet.

Einen weiteren Hinweis kann der Umfang der Waden geben, der wesentlich von der Muskelmasse am Unterschenkel abhängt. Misst der Umfang an der dicksten Stelle unter 31 Zentimeter, liegt ebenfalls der Verdacht auf Sarkopenie nahe. Eine sogenannte Bioimpedanz-Analyse hilft dabei, die Körperzusammensetzung zu bestimmen.

Risikofaktor Entzündung

Vor allem für die rheumatoide Arthritis ist bekannt, dass der chronische Entzündungsprozess genau wie der Alterungsprozess zur Sarkopenie führen kann. Bei schwer Betroffenen kann Bewegungsmangel die Symptome verstärken. Nach internationalen Untersuchungen ist ein solcher Muskelschwund bei bis zu zwei Dritteln der älteren Betroffenen zu beobachten – darunter auch normal- und übergewichtige Patienten. Entzündung, Immobilität und Alterungsprozess bilden nun wiederum einen Teufelskreis. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass eine Beziehung zwischen Sarkopenie und hoher Krankheitsaktivität der rheumatoiden Arthritis besteht: Je höher die Krankheitsaktivität, umso größer ist der Verlust an Muskelmasse und Funktion.

Unter Umständen betrifft die Sarkopenie Menschen mit rheumatoider Arthritis bereits im mittleren Lebensalter. Laut einer schwedischen Analyse verändert sich die Körperzusammensetzung schon innerhalb des ersten Jahres der Erkrankung. Ursache sind die Entzündungsbotenstoffe im Blut. Ähnliches gilt für entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen, die Spondyloarthritiden: Im Vergleich zu einer gleichalten Kontrollgruppe hatten 62 Prozent der Patienten mit entzündlicher Wirbelsäulenerkrankung bei einem Durchschnittsalter von 46 Jahren eine Sarkopenie. 

Bewegung als Therapie

Die wichtigste Maßnahme ist die optimale Behandlung der Grunderkrankung. Durch eine wirksame sogenannte Basistherapie verschwindet die Entzündung und die Entwicklung einer Sarkopenie wird verhindert. Zur Vorbeugung ist Bewegung eine weitere wichtige Maßnahme – und zwar Muskeltraining. Bei älteren Frauen, die regelmäßig Sport treiben, verringert sich das Sarkopenie-Risiko um die Hälfte. Wer seine Muskulatur regelmäßig „fordert“, kann sogar im Alter noch eine Zunahme der Muskelmasse und eine Verbesserung der Funktion erreichen. Krafttraining erhöht die Muskelkraft und verbessert die Balance. Treppensteigen reduziert das Sturzrisiko. Natürlich ist jedes Muskeltraining auch vom jeweiligen Gelenkzustand abhängig. Die geschulten Physiotherapeuten in den Kursen der Deutschen Rheuma-Liga wissen sehr genau, welches Training möglich ist – vom bloßen „Gehen“ für schwer Betroffene bis hin zum echten Krafttraining. Am besten ist es, zwei- bis dreimal pro Woche ein angepasstes Übungsprogramm zu absolvieren – und zwar dauerhaft, denn wer aufhört, sich zu bewegen, muss damit rechnen, dass die Sarkopenie erneut auftritt.

Hinzu kommt die Ernährung: Eine eiweißarme Ernährung begünstigt den Muskelabbau, denn Muskeln bestehen aus diesem Stoff. Milch und Milchprodukte sind wichtige Eiweißträger, ebenso Fisch und Geflügel. Ob eine alleinige Eiweißzufuhr als Medikament hilfreich ist, ist zurzeit noch wissenschaftlich umstritten.

Schließlich geht es noch um das Vitamin D. Auch das spielt bei der Sarkopenie-Entstehung eine Rolle. Niedrige Vitamin-D-Spiegel vermindern die Muskelkraft und erhöhen das Sturzrisiko. Wer die Sonne meidet, sollte Vitamin D daher als Tabletten einnehmen (800–1000 IE Vitamin D3 pro Tag). Rauchen verschlechtert nicht nur das Ansprechen auf die Behandlung der rheumatoiden Arthritis, sondern begünstigt auch die Entstehung einer Sarkopenie.

Zur Autorin

Prof. Erika Gromnica-Ihle ist die Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga. Sie berichtet im Artikel vom Osteologie-Kongress in Berlin.

 

Gezieltes Training gegen den Schmerz

Bewegungsübungen

Die Deutsche Rheuma-Liga hat zu fünf Erkrankungsbildern Bewegungsübungen herausgebracht, die Sie gut auch von zuhause machen können.

www.rheuma-liga.de/bewegungsuebungen