Wenn Rheuma auf die Stimme schlägt

Sängerin, foto clipdealer

Heiserkeit und Schwierigkeiten, noch alle Töne im gewohnten Umfang zu singen: entzündlich-rheumatische Erkrankungen und Kortison können die Sing- und Sprechstimme beeinflussen.

Herr Prof. Nawka, wie häufig ist bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen der Kehlkopf beziehungsweise die Stimme mit betroffen?

Neueste Studien gehen davon aus, dass in etwa jeder dritte Rheumabetroffene akute Probleme mit der Stimme hat. Etwa jeder Fünfte hatte in der Vergan genheit Probleme, die aber wieder verschwunden sind.

Wie machen sich diese Schwierigkeiten bemerkbar?

Zum einen gibt es Einschränkungen der Stimmleistung: Jemand kann nicht mehr so laut oder leise, aber auch nicht mehr so hoch oder so tief wie gewohnt singen. Das kann sich anfangs dadurch bemerkbar machen, dass man besonders hohe Töne nur noch trifft, wenn man sie lauter singt. Zum anderen gibt es Verände rungen des Stimmklangs: Die Stimme klingt heiser. Sie ist behaucht, wenn sie dem Flüstern ähnelt oder von säuselnden bis zischenden Geräusche begleitet wird, und rau, wenn sie tief und knarrend ist, so als wäre man erkältet. Typischerweise verschlechtert sich die Stimme nur all mählich und nicht so abrupt, wie bei einer Erkältung.

Was passiert dabei im Körper?

Knorpel und Gelenke im Kehlkopf können von der Entzündung betroffen sein. Zum Beispiel die Stellknorpel – also die Strukturen, die die Stimmlippen bei der Atmung auseinander- und beim Sprechen und Singen zusammenbewegen. Im schlimmsten Fall können sie in ihrem Gelenk verknöchern und büßen ihre Beweglichkeit ganz ein. Dann erschweren sie sogar die Atmung – doch dies ist zum Glück äußerst selten. Ist der Stellknorpel betroffen, wird man merken, dass die Stimme an Flexibilität verliert. Will man sprechen, kommt zunächst kein Ton und man muss sich erst räuspern. Auch die Kiefergelenke haben einen Einfluss, denn ihre Beweglichkeit bestimmt mit, wie deutlich wir uns artikulieren können: Sind die Kiefergelenke betroffen, kann dies beeinflussen, wie deutlich wir sprechen oder singen und ein „Ü“ klingt vielleicht eher wie ein „I“.

Darüber hinaus können sich – wenn auch selten – Rheumaknoten auf den Stimmlippen bilden. Dabei handelt es sich um bindegewebsartige Umwandlungen des Musculus vocalis, also des Muskels, der die Stimmlippen bewegt. Diese Knötchen sind meist gelblich oder weißlich verfärbt und führen zur Heiserkeit, rauem und behauchtem Stimmklang, und schränken die Stimmleistung ein.

Müssen diese Knoten operiert werden?

Meist kann man erst einmal abwarten: Es gibt durchaus Hoffnung, dass sich die Probleme von selbst wieder geben. Zur Operation rate ich nur, wenn die Stimme erheblich leidet – wenn das Sprechen etwa so ermüdet, dass man schon nach fünf bis zehn Minuten erschöpft ist. In solchen Fällen sollte man sich beim Phoniater vorstellen, dem Facharzt für Stimme und Sprache. In der Regel findet man diese Ansprechpartner an der Universitätsklinik. Dieser analysiert mithilfe einer sogenannten Video-Laryngostroboskopie die Schwingungen der Stimmlippe und kann dann entscheiden, ob eine Operation sinnvoll ist oder nicht. Falls ja, gibt es Phonochirurgen, die auf diese Eingriffe spezialisiert sind. Solche Operationen sind jedoch nur selten nötig.

Können Medikamente die Stimme beeinflussen?

Kortison kann, muss aber nicht unbedingt einen Einfluss auf die Stimme haben. Das Medikament kann – wie bei anderen Muskeln auch – dazu führen, dass der Musculus vocalis teilweise abgebaut wird. Das hat Auswirkungen auf die Stimmlippen. Im schlimmsten Fall können sie dann nicht mehr richtig schließen, sodass stets ein Spalt offen bleibt. Dann klingt die Stimme heiser und behaucht, Sprechen und Singen strengen mehr an. Leider wissen wir nicht, ob und wenn ja in welchem Umfang diese Veränderungen reversibel sind, wenn man das Kortison wieder absetzt.

Wie verändert sich die Stimme mit zunehmendem Lebensalter?

Im Alter wird die Schleimhaut in den stimmbildenden Strukturen dünner und der Stimmapparat verliert etwas von seiner Elastizität. Wer hohe Töne singt, klingt daher häufiger schrill und angestrengt. Insgesamt nimmt der Stimmumfang sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe ab. Männerstimmen werden im Alter in der Regel höher, Frauenstimmen tiefer.

Kann man etwas tun, um seine Stimme auch bei einer rheumatischen Erkrankung geschmeidig zu halten?

Da gibt es eine gute Nachricht: Egal, ob eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, Kortison oder höheres Lebensalter, jeder kann viel dafür tun, seine Stimme fit zu halten – und zwar einfach durch Üben! Bleiben Sie dran, behalten Sie Ihre Freude am Singen! Wer regelmäßig singt, tut viel für seine Stimme – aber auch für sein Immunsystem und den ganzen Körper. Es gibt auch frei verkäufliche Arzneimittel, die bei belegter Stimme und Heiserkeit helfen sollen. Dazu liegen allerdings keine verlässlichen Studien vor. Manche Menschen behelfen sich bei akuten Problemen mit ätherischen Ölen, etwa Minzölen oder Auszügen aus Latschen kiefer zum Inhalieren. Das kann helfen, doch sollte man diese Produkte höchstens fünf Tage hintereinander benutzen. Ansonsten tritt die gegenteilige Wirkung ein und diese Substanzen trocknen die Schleimhäute zusätzlich aus. Wer langfristig seiner Stimme und der Schleimhaut in den Atemwegen etwas Gutes tun möchte, sollte mit Kochsalzoder Sole-Lösung inhalieren.

Haben Sie noch einen Rat an Menschen mit Rheuma, die gern singen?

Wer im Chor singt, sollte vermeiden, in einen „Sängerwettstreit“ zu geraten: Lauter ist nicht unbedingt besser! Jeder sollte bei sich bleiben und seine Stimme nicht überfordern. Wer nach der Probe oder einem Auftritt heiser ist, hat auf alle Fälle etwas falsch gemacht. Das gilt natürlich für alle Sänger, nicht nur für chronisch Kranke.

Experte für das Interview

Prof. Dr. Tadeus Nawka ist Professor für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Charité Berlin und singt auch privat in einem kleineren Ensemble. Mit ihm sprach mobil-Chef - redakteurin Julia Bidder.