Engagement mit Gewinn

Wer sich ehrenamtlich engagiert, wird von manchen Menschen belächelt. Zu Unrecht – denn ein Ehrenamt macht Freude, erfüllt mit Sinn und bringt viele Menschen auch persönlich weiter.

mobil-Chefredakteurin Julia Bidder interviewte Diplom-Psychologin Christine Rosinsky-Stöckmann zum Thema "Ehrenamt". Die Psychologin engagiert sich selbst ehrenamtlich bei der Deutschen Rheuma-Liga und leitet unter anderem Aus- und Fortbildungsseminare für Ehrenamtliche.

Die Deutsche Rheuma-Liga wird getragen vom Ehrenamt. Aus welchen Gründen engagieren sich Betroffene?

Diese Frage lässt sich so einfach nicht beantworten. Grundsätzlich ist es so, dass niemand etwas tut, ohne eine Belohnung dafür zu erhalten. Allerdings sind sich die meisten Menschen dessen nicht bewusst. Wer sich ehrenamtlich engagiert, hat auch etwas davon: Er fühlt sich gut, bekommt Anerkennung und Dank, vielleicht sogar ein Lob. Die meisten engagieren sich, weil sie eine Lücke in ihrem Leben füllen wollen. Sie haben Zeit und möchten etwas Sinn volles tun, sich lebendig fühlen. Es ist aber auch so, dass man im Ehrenamt neue Dinge lernt und neue Fähigkeiten erwirbt und selbst in seiner persönlichen Entwicklung weiterkommen kann.

Welche Rolle spielt das Gefühl, dass man etwas zurückgeben möchte, weil man selbst Hilfe bekommen hat?

Das ist auch ein häufiger Motivationsgrund für Ehrenamtler. Gerade für Menschen, die erkrankt sind, ist es in den ersten Jahren sehr wichtig, Hilfe zu bekommen. Wenn ich die Krankheit bewältigt habe, kann es schon sein, dass ich sage, diese Hilfe möchte ich nun auch anderen geben. Auch davon lebt die Rheuma-Liga.

Woher kommt die Motivation, sich gerade für die Rheuma-Liga zu engagieren?

Jeden Tag gehen wahnsinnig viele Informationen einfach an uns vorbei. Erst wenn unsere Aufmerksamkeit auf etwas gerichtet ist, nehmen wir etwas plötzlich ganz anders wahr und fühlen uns von einem Thema angesprochen. Zum Beispiel bei der Flüchtlingsproblematik: Sie veranlasst Menschen, an dieser Stelle gern helfen zu wollen. Bei der Rheuma-Liga engagieren sich natürlich viele Menschen, die selbst eine rheumatische Erkrankung haben. Manchmal sind es aber auch Angehörige und Freunde, die mithelfen – zum Beispiel beim Thema rheumakranke Kinder.

Bekommen denn Ehrenamtliche in der Rheuma-Liga die Aufmerksamkeit und den Dank, den sie sich wünschen?

Da gibt es sicherlich Defizite. Dabei brauchen wir Ehrenamtliche auf allen Ebenen, weil sonst die Arbeit der Rheuma-Liga in ihrer jetzigen Form nicht finanzierbar ist. Wir müssen Ehrenamtler pflegen und wertschätzen. Ein Dankeschön reicht oft schon!

Muss ich bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um mich zu engagieren?

Ich darf nicht zu viele eigene Probleme haben. In der Ausbildung Ehrenamtlicher vergleiche ich das mit einem Brunnen, den jeder in sich trägt und mit Dingen füllt, die ihm Spaß machen. Wenn jemand vergisst, den Brunnen für sich selbst zu füllen, kann er nicht mit vollen Händen ausschenken. Dann wird das, was er austeilt, zur Strafe für andere. Das kann zu einer gewissen Verbitterung führen, weil die Person, die sich engagiert, denkt: Jetzt strenge ich mich so an und es sagt mir noch nicht mal jemand Danke. Die Selbst-Sorge ist sehr wichtig – für alle Menschen, aber besonders für jemanden, der sich engagieren möchte.

Gibt es Spielregeln für den Umgang mit Ehrenamtlern?

Das kann man so nicht verallgemeinern. Aber ich finde es wichtig, dass die Rheuma-Liga Ehrenamtlern den Rücken stärkt und zum Beispiel Fortbildungen anbietet. Denn sie sollten lernen, Kritik nicht persönlich zu nehmen. Wenn sich zum Beispiel ein Anrufer beschweren möchte, ist es häufig so, dass die Person, die das Gespräch entgegennimmt, für die Situation gar nichts kann. Die normale Reaktion darauf ist erst einmal, dass man beleidigt ist. Doch wer gelernt hat, damit umzugehen, kann den Anrufer beruhigen und die Situation entschärfen, ohne dass er die Angelegenheit persönlich nimmt. Ein Ehrenamtler darf aber auch durchaus mal Grenzen ziehen und sagen: Sie schimpfen jetzt mit mir, dabei bin ich doch gar nicht schuld!

Kann ein Ehrenamt auch überfordern? Wenn ja, was kann man dagegen tun?

Es ist wichtig, dass sich jeder Ehrenamtliche vor Augen führt, dass er überhaupt nichts machen muss. Das, was ich leisten will, bestimme ich selbst, ich bin ja im Ehrenamt! Ich entscheide, wie viele Aufgaben und wie häufig ich diese übernehme. Wenn sich jemand dennoch überfordert fühlt, hängt das unter Umständen damit zusammen, dass es an Wertschätzung mangelt. Da kann es schon helfen, wenn jemand sagt: Ich sehe, wie sehr Sie sich engagiert haben – kein Wunder, dass Sie total erschöpft sind!

Wie kann man neue Ehrenamtliche für die Mitarbeit gewinnen?

Man sollte nicht so sehr betonen, was jemand einbringen soll, sondern stattdessen, was geboten wird. Schauen Sie mal, wie für Lotto geworben wird: Da geht es nur darum, was man gewinnen kann – nicht darum, wie viel Geld man dafür ausgibt.