Das Beste aus beiden Welten

Naturheilkunde und klassische Medizin, Clipdealer

Jeder zweite Rheumapatient wünscht sich Informationen über alternative Behandlungsmethoden. Wie können diese Therapien sinnvoll mit der Schulmedizin kombiniert werden? Ein Interview mit Dr. Thomas Rampp, Oberarzt an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin Kliniken Essen-Mitte/ Knappschafts-Krankenhaus.

Herr Dr. Rampp, warum sind alternative Therapien vielen Patienten so wichtig?

Die konventionelle medikamentöse Therapie geht auf Dauer oft mit vielen unerwünschten Arzneiwirkungen einher. Daher interessieren sich viele Betroffene – aber auch Ärzte und Wissenschaftler – seit einigen Jahren verstärkt für Therapiemöglichkeiten aus dem Bereich der Naturheilkunde. In unserer Klinik wählen wir einen integrativen Therapieansatz. Das bedeutet, wir nehmen aus beiden Welten, Schulmedizin und Naturheilkunde, jeweils das Beste und setzen es zum Wohle der Patienten ein.

Dann schließen sich schulmedizinische Behandlung und alternative Verfahren bei rheumatoider Arthritis nicht aus?

Der Begriff „alternative Verfahren“ ist irreführend, da es sich nicht um ein Entweder- oder handelt, sondern um eine ergänzende Behandlung – die konventionellen Therapien werden nicht abgelehnt. Um die Effektivität, die Verträglichkeit und das Nebenwirkungsspektrum der konventionellen Therapie zu verbessern, ist integrative Medizin meiner Meinung nach dringend notwendig. Natürlich verwenden wir auch konventionelle Medikamente, um schnell Schmerzen und Entzündungen einzudämmen. Parallel beginnen wir dann mit naturheilkundlichen Maßnahmen, die erfahrungsgemäß länger brauchen, bis sie zu wirken be ginnen. Die Erfahrung zeigt, dass sich rheumatische Erkrankungen mit einer Kombination aus konventionellen und natürlichen Heilverfahren gut behandeln lassen. Vor allem die Lebensqualität der Patienten lässt sich durch den kombinierten Einsatz verschiedener naturheilkund licher Therapien verbessern. Die naturheilkundliche Behandlung hat unter anderem das Ziel, die Dosis nebenwirkungsreicher Medikamente zu reduzieren und die Regulationskräfte des Organismus anzuregen.

Gibt es Therapien, die sich bei der Behandlung von rheumatoider Arthritis besonders gut bewährt haben?

Die moderne Naturheilkunde basiert auf verschiedenen Säulen zur Erhaltung beziehungsweise Wiedererlangung von Gesundheit; dazu gehören Ernährung, Entspannung, Bewegung, Lebensordnung sowie arzneiliche und nichtarzneiliche Therapieverfahren. Bei rheumatoider Arthritis haben sich beispielsweise Behandlungen aus dem Ayurveda, der Traditionellen Indischen Medizin, bewährt. Und eine be sonders lange Tradition bei rheumatoider Arthritis hat das Heilfasten. Hier gibt es eine reiche Erfahrung und viele klinische Studien, die eine Wirksamkeit belegen.

Ist auch bei anderen naturheilkundlichen Methoden eine Wirksamkeit nachgewiesen?

Man sollte immer bedenken, dass der Wirksamkeitsnachweis aus zwei Säulen besteht – der Studienlage und der Erfahrung. Mit der naturheilkundlichen Rheumatherapie wurden bis dato viele positive klinische Erfahrungen gesammelt, die einen Einsatz rechtfertigen.

Und wie ist es um die Nebenwirkungen naturheilkundlicher Verfahren bestellt?

Alles, was eine Wirkung hat, kann potenziell auch eine Nebenwirkung haben. Diese sind bei naturheilkundlichen Verfahren allerdings seltener, fallen milder aus und sind in der Regel behebbar.

Können Sie auch etwas über andere rheumatische Erkrankungen sagen, zum Beispiel Fibromyalgie, Arthrose oder seltenere Krankheitsbilder?

Grundsätzlich sind alle Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis mit dem integrativen Ansatz therapierbar. Allerdings erfordert die naturheilkundliche Therapie rheumatischer Erkrankungen Fachwissen. Jeder Erkrankte benötigt ein individuelles Therapiekonzept – je nachdem, wie aktiv die Erkrankung ist und wie seine körperliche Verfassung ist. Bei Fibromyalgie greifen beispielsweise Wärme-, Bewegungs- und Ordnungstherapie, während bei Arthrose gute Erfolge auch mit der Blutegel-Therapie erzielt werden.

Wo sehen Sie die Grenzen naturheilkundlicher Therapien bei chronischen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis?

Sofern man naturheilkundliche Methoden ergänzend einsetzt und die Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten beachtet, sind sie ohne große Risiken einsetzbar. Bereits zerstörte Gelenke oder andere Organstrukturen lassen sich natürlich nicht wiederherstellen. Doch gerade bei chronischen Erkrankungen können naturheilkundliche Therapien die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.

Welche Leistungen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen?

In der Regel erstatten die Krankenkassen die Kosten für naturheilkundliche Therapien bei rheumatischen Erkrankungen nicht. Ich rate aber immer, nachzufragen. Eventuell werden einzelne Therapiebausteine auf Anfrage unterstützt.

Was muss ich als Patient mit rheumatoider Arthritis beachten, wenn ich eine naturheilkundliche Therapie in Erwägung ziehe? Kann ich zum Beispiel mit Wickel und Co. einfach loslegen oder sollte ich vorher mit dem Rheumatologen sprechen?

Wichtig ist, dass Sie mit einem kompetenten Arzt Rücksprache halten, der Sie in der Auswahl und der Anwendung naturheilkundlicher Wickel und Auflagen unterstützt. Das sind sogenannte Reiz-Reaktions-Therapien, die an die jeweilige Situation angepasst werden müssen. Die naturheilkundlichen Behandlungen sollten von einem erfahrenen naturheilkundlichen/homöopathischen Arzt oder einem Rheumatologen durchgeführt und begleitet werden. Daneben kann und sollte der Patient aber auch selbst aktiv werden. Ich denke hier vor allem an die Bereiche Bewegung, Ernährung, Hausmittel und einfache Wasseranwendungen.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Ernährung ist die Basis für fast alle Therapien und hat in der Therapie von Rheumapatienten einen ganz besonderen Stellenwert. Eine falsche Ernährungsweise kann zum Beispiel die Bausteine für Entzündungsprozesse im Körper liefern. Bestimmte Nahrungsmittel dagegen wirken entzündungshemmend und schmerzlindernd. Grundlage für die Ernährung von Rheumapatienten sollten naturbelassene Nahrungsmittel, viel Obst und Gemüse, Nüsse sowie hochwertiges Pflanzenöl sein.

Ihr Rat an Betroffene, die sich für eine naturheilkundliche Behandlung interessieren?

Versuchen Sie, sich täglich an den fünf Kneipp’schen „Säulen der Gesundheit“ zu orientieren. Die Erkenntnisse von Pfarrer Kneipp sind leicht in den Alltag zu integrieren und verbinden Körper und Geist. Sie bestehen aus folgenden Säulen: Bewegung, Ernährung, Lebensordnung, Wasseranwendung und Heilpflanzen/Kräuter.

Zum Autor

Dr. Thomas Rampp ist Oberarzt an der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin Kliniken Essen-Mitte/Knappschafts- Krankenhaus. Die Fragen stellte mobil- Chefredakteurin Julia Bidder.