"Kennst du schon ... ?"

Unerbetene Ratschläge für Rheumakranke - oft die gleiche Leier, Foto clipdealer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Rheumakranker wird man häufig von allen Seiten mit unerbetenen Gesundheitstipps und zweifelhaften Therapieempfehlungen bedacht. Wie begegnet man solchen gut gemeinten Ratschlägen am besten?

Frau Baltscheit, probieren Sie doch mal dieses Nahrungsergänzungsmittel aus, trinken Sie jenen Tee oder leben Sie vegan, um Ihr Rheuma zu heilen – so etwas hören Rheumakranke oft. Sind chronisch kranke Menschen empfänglich für diese „Ratschläge"?

Ich denke schon: Eine chronische Erkrankung geht nicht mehr weg, der Wunsch nach Heilung bleibt. Man fühlt sich hilflos und auch die Schulmedizin kann nicht vorhersagen, welche Therapie wann wirkt. Viele greifen daher nach jedem Strohhalm. Auch ich habe früher einiges ausprobiert. Heute habe ich mehr Sicherheit im Umgang mit meiner Erkrankung und kann wohlmeinenden Tipps gut begegnen.

Wie zum Beispiel?

Solche Ratschläge sind ja nicht böswillig – auch Freunde, Familie und Bekannte fühlen sich hilflos. Deshalb sollte man zuhören, sich bedanken, aber dann klar sagen: „Das kenne ich schon“, oder fragen: „Weißt du überhaupt, was die Krankheit mit mir macht?“. Wichtig ist es, Grenzen zu setzen und darauf hinzuweisen, dass man sich schon intensiv mit dem Thema beschäftigt hat und selbst entscheidet, was man ausprobieren möchte.

Trotzdem bleibt oft noch die Unsicherheit: Soll ich es nicht doch probieren?

Es gibt immer wieder Betroffene, die erzählen, dass es ihnen seit einer bestimmten Therapie besser geht. Am besten informiert man sich erst einmal gründlich, auch über mögliche Nebenwirkungen. Gerade zu „alternativen“ Methoden gibt es oft nur Erfahrungsberichte, keine verlässlichen Studien. Wer Glück hat, kann mit seinem Arzt darüber sprechen. Auch die Rheuma-Liga kann weiterhelfen – der Austausch mit anderen Betroffenen ist etwas ganz Wesentliches! Wer selbst etwas ausprobieren will, sollte sich vorher klarmachen, dass das Rheuma davon auf keinen Fall geheilt wird. Aber es kann einem natürlich besser gehen, wenn man zum Beispiel andere gesundheitliche Probleme oder Nebenwirkungen mildern kann.

Hin und wieder bekommt man zu hören, die Seele sei schuld an der Krankheit und es gelte beispielsweise, ein unverarbeitetes Trauma zu lösen. Oder es gäbe eine „Rheuma-Persönlichkeit“. Was ist dran an solchen Behauptungen?

Da ist die Frage immer: Was war zuerst da? Wenn jemand lange unter einer chronischen Krankheit leidet, verändert sich unter Umständen auch die Persönlichkeit, weil man dauernd Schmerzen hat, sich hilflos fühlt und keine Hoffnung auf Heilung hat. Tatsächlich kann Stress der Auslöser für den ersten Rheumaschub sein – und im Verlauf der Erkrankung können belastende Situationen und Stress die Beschwerden verschlimmern. Doch das sind nur kleine Bausteine im gesamten Leben mit der Erkrankung. Wenn jemand entsprechende Ideen kundtut, sollte man klarstellen, dass Rheuma primär eine körperliche Erkrankung ist.

Zur Autorin

Die Diplom-Psychologin Cornelia Baltscheit arbeitet am Immanuel Krankenhaus in Berlin und ist seit vielen Jahren Vorstandsmitglied der Rheuma-Liga Berlin. Das Interview führte mobil-Chefredakteurin Julia Bidder