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Leben mit Rheuma: Mit Bewegung gegen Fatigue

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Joggen

Fatigue lässt sich nur schwer messen – und noch schwieriger behandeln. Doch es scheint ein Mittel gegen die Erschöpfung zu geben: Muskeln in Bewegung.

Eine sehr große Erschöpfung, auch Fatigue genannt, kommt bei vielen rheumatischen Erkrankungen vor. Oft schränkt sie die Betroffenen stark ein. Doch es gibt Wege, mit der Müdigkeit umzugehen. Dr. Philipp Sewerin spricht im Interview mit Julia Bidder, Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift "mobil", über die Rolle von Bewegung in der Therapie, Krafttraining und moderatere Belastung.  

Herr Dr. Sewerin, welche Rolle spielt Sport für die Bewältigung von Fatigue?

Es gibt eine Reihe von Studien, die eindrucksvoll das Ergebnis liefern, dass Sport Betroffenen mit Erschöpfung und Fatigue besser hilft als viele medikamentöse Therapien. Die Europäische Rheumaliga EULAR hat 2018 eine Leitlinie herausgegeben zu Bewegungsempfehlungen für Menschen mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen und Arthrose. Das war relativ revolutionär. Wir müssen sagen, dass die Evidenz für diesen Bereich wirklich sehr, sehr gut ist – weitaus besser als zum Thema Ernährung, wonach viele Betroffene auch fragen.

Was genau passiert denn im Körper, wenn man sich bewegt?

Wir kennen jetzt die molekularbiologischen Grundlagen dafür, dass Sport antientzündliche Wirkungen hat. Muskeln schütten bestimmte antientzündliche Botenstoffe aus, wenn sie aktiv sind. Das reduziert die Entzündung, aber auch die Müdigkeit. Davon profitieren nicht nur Betroffene mit rheumatischen Erkrankungen.

Fatigue, also krankhafte Müdigkeit, tritt auch häufig bei Krebs auf, etwa bei Chemotherapien. Onkologen haben das bereits ziemlich gut untersucht. Deshalb ist Krebs die bislang einzige Erkrankung, bei der der Arzt eine Sporttherapie verordnen kann, eine sogenannte onkologische Trainingstherapie. Unser Ziel ist es, dass auch Betroffene mit rheumatischen Erkrankungen in Zukunft solche Trainingstherapien bekommen können. Das wird aber sicherlich noch einige Zeit dauern.

Was können Betroffene tun, solange Rheumatologen noch keine Sporttherapie verordnen können?

Egal, ob Arthrose oder entzündliches Rheuma: Betroffene sollten sich genauso viel bewegen, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO es für Gesunde empfiehlt. Das bedeutet, dass sie sich 150 Minuten pro Woche mit moderater Intensität belasten sollen. Unsere ganz wichtige Botschaft lautet: Sport ist bei rheumatischen Erkrankungen sicher! Selbst Patienten, die eine moderat aktive Entzündung haben, müssen keine zusätzlichen Gelenkschäden durch Bewegung befürchten.

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Früher war die Sorge weit verbreitet, dass zu viel Belastung entzündete Gelenke zusätzlich zerstört. Das ist definitiv nicht der Fall. Dennoch, wenn bereits Schäden vorliegen, sollte man natürlich auf eine Bewegungsart achten, die gut möglich ist. Oft sind das gelenkschonende Bewegungsformen wie Schwimmen, Radfahren oder Walking – oder etwas, dass der individuellen Funktion angepasst ist.

Was versteht man unter moderater Belastung?

Das ist individuell sehr unterschiedlich und wird bei einem Rennradprofi anders sein als bei einer 60-jährigen Rheumatikerin. Als Faustregel rät die WHO, sich so zu belasten, dass man sich zwar noch unterhalten, nicht aber singen kann.

Spielt Krafttraining keine Rolle?

Doch, auch die EULAR-Bewegungsleitlinien setzen auf beide Punkte – Ausdauertraining und Kraft. Die Stützung der Gelenke durch Muskeln ist wichtig, um die Gelenke zu schützen. Idealerweise trainieren Betroffene Kraft, Ausdauer und Koordination.

Die EULAR stellt ganz klar, dass Bewegung eine wichtige Säule der Therapie bei rheumatischen Erkrankungen ist. Möglicherweise ist das in den vergangenen Jahren durch gut wirksame Medikamente zu sehr in Vergessenheit geraten. Aber wer Sport treibt, der produziert seine antientzündliche Therapie praktisch selbst. Es gab Studien an Betroffenen mit Morbus Bechterew, die in Remission waren, also einen beschwerdearmen Zustand erreicht hatten. Wenn die Betroffenen sich viel bewegten, konnte man die Medikamente um bis zur Hälfte reduzieren, ohne dass es den Patienten schlechter ging oder die Entzündung wieder aufgeflammt wäre. Das zeigt: Sport ist ganz klar die Therapie der Wahl!

Auch viele Betroffene mit Fibromyalgie klagen über Fatigue. Können auch sie von Sport profitieren?

Für Fibromyalgie ist die Datenlage sehr dünn, es gibt nur wenige Studien. Aber da es kaum wirksame zugelassene Medikamente gibt, bleibt Betroffenen eigentlich nicht viel anderes übrig, als eine konventionelle Therapie anzuwenden, und dazu gehört neben psychosozialer Betreuung, Physio- und Ergotherapie eben auch Bewegung.

Zur Person: PD Dr. Philipp Sewerin ist Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie und Leiter der Abteilung Klinische Studien am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Ratgeber zum Thema Bewegung

Die Deutsche Rheuma-Liga hat mehrere Bewegungsposter herausgebracht. Diese können Sie auf der Internetseite herunterladen und bei den Landes- und Mitgliedsverbänden bestellen.