Prof. Stöve, warum sollten sich Betroffene mit Kniearthrose mit der neuen Leitlinie beschäftigen?
Betroffene sollten sich damit beschäftigen, damit sie eine sinnvolle Therapie bekommen. Die Therapiemöglichkeiten, die in der Bevölkerung und im Internet sowie von den Ärztinnen und Ärzten angeboten werden, sind nur zum Teil sinnvoll. Gerade im Internet findet man viele Dinge, die das Stadium einer Werbung nicht übersteigen. Aufgrund der Vielzahl der Angebote sind Patienten unsicher, was denn nun sinnvoll für sie ist.
Bei Arthrose gilt das ganz besonders, weil diese sich so vielgestaltig klinisch zeigen kann. Der Patient oder die Patientin hat eine Zufälligkeit der Symptome, eine unklare Ursachenlage, ein für ihn oder sie nicht verständliches Auftreten und dann wieder Verschwinden von Schmerzen, das ist sehr verunsichernd.
Tatsächlich geht es auch darum, dass Patienten kein Geld für sinnlose Maßnahmen ausgeben. Und es geht natürlich vor allem um die Gesundheit – wenn man sich zum Beispiel bei einer wirkungslosen Spritze eine Infektion einfängt, schadet man dem Körper eher.
Patientenversion der Leitlinie
Welche Neuerungen finden sich in den neuen Leitlinien?
Tatsächlich eine Neuerung ist, dass die Leitlinie zu Hyaluronsäure nichts mehr aussagt. Bislang gab es dazu eine Empfehlung, jetzt nicht mehr. Die englische Leitlinie lehnt übrigens Hyaluronsäurespritzen als Therapie ab. So weit geht die deutsche Leitlinie nicht, aber es gibt keine explizite Empfehlung dazu.
Werden Orthopädinnen und Orthopäden künftig keine Hyaluronspritzen mehr anbieten?
Das muss jede Patientin und jeder Patient mit dem jeweiligen Arzt oder der Ärztin besprechen. Wir sagen wie gesagt, dass wir aufgrund der fraglichen Wirkung keine Empfehlung mehr aussprechen.
Gibt es noch weitere Neuerungen?
Wir haben noch eine ganze Reihe weiterer Therapien aus den Empfehlungen entfernt, weil es keine aussagekräftigen Belege für deren Wirksamkeit gibt. Dazu gehört etwa Massagetherapie, Ergotherapie, Blutegel, Phytotherapie mit Arnica oder Beinwell, die Einnahme von Glucosamin, transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), Ultraschalltherapie, Interferenzstrom, Lasertherapie, gepulste Kurzwellentherapie oder Vibrationstherapie.
Auch zu den verschiedenen Verfahren, die zum Ziel haben, den beschädigten Knorpel wiederherzustellen, liegen keine ausreichenden Erkenntnisse vor, um sagen zu können, ob diese noch für Betroffene von Nutzen sind, die bereits eine fortgeschrittene Kniegelenksarthrose haben. Darüber hinaus wird kein routinemäßiger Einsatz von kinesiologischem Tape (oder Physio-Tape) empfohlen. Darüber hinaus ist die neue Leitlinie auf S3-Niveau und damit qualitativ deutlich hochwertiger als die vorherige S2-Leitlinie. Das klingt nach viel Arbeit.
Wie viele Expertinnen und Experten haben wie lange daran gearbeitet?
Wir waren ein Team von 25 Autorinnen und Autoren und haben zwei Jahre lang daran gearbeitet. Der Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses hat dieses Projekt mit ungefähr 400.000 Euro gefördert.
Die Autorinnen und Autoren haben ehrenamtlich gearbeitet, unter ihnen waren Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Fachgesellschaften sowie der Deutschen Rheuma- Liga beteiligt. Darüber hinaus haben zwei bis drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Prinzip Vollzeit über einen Zeitraum von zwei Jahren an der Leitlinie gearbeitet. Besonders möchte ich die Arbeit von Dr. Katharina Ortwig hervorheben. Wir haben uns alle sechs bis acht Wochen getroffen, um Literatur zu diskutieren und uns abzustimmen.
Das war schon sehr viel Arbeit, aber es ist wichtig, dass für so eine ernst zu nehmende Erkrankung eine qualitativ gute Leitlinie vorliegt. Das S2-Niveau reicht nicht aus.
Was können Betroffene selbst tun, um ihre Gonarthrose zu lindern? Was würden Sie als die wichtigste Maßnahme bezeichnen?
Die wichtigste Maßnahme ist zum einen Aufklärung und Beratung. Betroffene müssen verstehen, was sie eigentlich haben. Sie brauchen Motivation, wir nennen das eine motivationale Beratung, damit sie gut mit ihrer Erkrankung umgehen können, ihr Verhalten anpassen und wissen, was sie sich zutrauen können und was nicht. Sie sollten wissen, dass sie mit dieser Erkrankung viele Jahre gut leben können, ohne dass große und teure Maßnahmen nötig sind.
Welche Rolle spielt Bewegung bei der Arthrosetherapie?
Eine sehr wichtige. Betroffene sollen sich regelmäßig sportlich betätigen und eigenständig Kräftigungsübungen machen. Dabei kommt es auf das richtige Maß an. Während der Übung darf es schon mal wehtun, aber nicht in der Nacht oder am nächsten Tag.
Es gilt, eine Aktivierung der Arthrose zu vermeiden. Außerdem sollen die Betroffenen auf ihr Gewicht achten und es gegebenenfalls reduzieren. Übungen sollten sie möglichst auf dem Land durchführen – das ist effektiver als Wassergymnastik.
Wann kommt eine Knie-TEP in Betracht?
Die kommt in Betracht, wenn eine Patientin oder ein Patient zu viele Schmerzmittel benötigt, die zu viele Nebenwirkungen haben. Wenn jemand sowohl einen fortgeschrittenen Schaden im Gelenk hat als auch mit dem Schaden die Lebensqualität sinkt, und wenn jemand zu viele Entzündungsschübe hat (also etwa nächtliche Schmerzen) und sechs Monate konservative Therapie keine Besserung gebracht haben, dann handelt es sich um eine kniegelenksbezogene Einschränkung der Lebensqualität und man kann an eine Operation denken.
Bis wann ist diese Leitlinie gültig?
Bis 2029. Wir gehen davon aus, dass sich in dieser Zeit einiges tut – dann wird es wieder eine Leitlinienkommission geben, die die neuen Entwicklungen unter die Lupe nimmt und neue Empfehlungen erarbeitet.
Zur Person: Prof. Johannes Stöve sprach im Interview mit Julia Bidder, Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift "mobil", über die aktuelle Leitlinie. Der Orthopäde ist Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen und federführender Autor der S3-Leitlinie „Kniearthrose“.
Patientenvertreterinnen der Rheuma-Liga im Einsatz
An der S3-Leitlinie zur Kniearthrose haben zwei Patientenvertreterinnen der Deutschen Rheuma-Liga mitgewirkt. Beide kennen dieses Problem aus eigener Erfahrung. Auch ihre Ärztinnen und Ärzte hatten ihnen in der Vergangenheit Leistungen empfohlen, die sie selbst zahlen mussten. Allerdings bekamen sie keine Informationen zu den fehlenden Studien zur Wirksamkeit, also einer Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus.
Deshalb haben sich die Patientenvertreterinnen der Deutschen Rheuma-Liga bei der Überarbeitung dafür eingesetzt, dass nur Therapien positiv empfohlen werden, die auf handfesten Studienergebnissen beruhen. Natürlich können Patientinnen und Patienten weiterhin IGeL-Angebote in Anspruch nehmen, wenn ihr Arzt oder ihre Ärztin sie zuvor ausführlich über die Kosten, einen eventuell fraglichen Nutzen und mögliche Nebenwirkungen informiert hat.
Die Deutsche Rheuma-Liga hat sich zudem dafür eingesetzt, dass Ärztinnen und Ärzte, sofern gewünscht, gemeinsam mit Patientinnen und Patienten über Untersuchungen und Therapien entscheiden, also das Prinzip der gemeinsamen Entscheidungsfindung befolgen. Dies wird in der neuen Leitlinie an mehreren Stellen hervorgehoben. Außerdem wurde das Funktionstraining in die Leitlinie aufgenommen. Damit sich Betroffene selbst über die neuen Empfehlungen informieren können, haben die Patientenvertreterinnen eine laienverständliche Patientenleitlinie verfasst.
Das Wirken der Rheuma-Liga hat sichtbare Spuren in der S3-Leitlinie hinterlassen und wird hoffentlich dazu beitragen, dass Menschen mit Kniearthrose die bestmögliche Behandlung erhalten.
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 5-2025. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

