Ängste nach der Diagnose unbedingt behandeln!
Angst ist einer der stärksten Risikofaktoren für einen voranschreitenden Verlauf einer frühen rheumatoiden Arthritis (RA). Sie war ein führendes Symptom bei etwa der Hälfte der Betroffenen und stieg im Verlauf von drei Monaten noch weiter an – und zwar unabhängig vom Erfolg der antientzündlichen Methotrexat-(MTX-)Therapie.
Müdigkeit, Schmerz und Depression sind Teilaspekte dieser Angst. Wer auch nach drei Monaten noch verstärkt Angst verspürte, hatte ein Jahr nach der Diagnose einen weniger erfolgreichen Verlauf der weiteren Therapie, unternahm häufigere Therapiewechsel und litt öfter unter sozialer Vereinsamung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Beobachtungsstudie aus den USA und Kanada, die 255 RA-Betroffene kurz nach ihrer Diagnose betrachtet hat.
Fazit: Angst ist einer der größten Risikofaktoren für den Verlauf einer frühen RA. Schon das Wissen darüber ist ein Schlüssel zum richtigen Umgang mit diesem Problem. Wie die Angst im Einzelfall am besten zu bekämpfen ist, hängt von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur des/der Betroffenen ab.
Ärztinnen und Ärzte müssen die Angst ernst nehmen und Wege finden, diese zu verringern – etwa durch Psychotherapie, Medikamente, Bewegung, Ablenkung und soziale Aktivitäten, wie sie etwa von der Deutschen Rheuma-Liga angeboten werden. Ärztinnen und Ärzte müssen neben der Entzündungshemmung auch Schmerzen, Müdigkeit, Depression und Vereinsamung als Teil dieser Angst abklären und gegebenenfalls mitbehandeln. (POS0163)
Hinweis: Die Buchstaben-Nummern-Kombinationen in Klammern bezeichnen die Kennziffern des jeweiligen wissenschaftlichen Abstracts. Unter der jeweiligen Kennziffer kann man die wissenschaftliche Zusammenfassung in englischer Sprache auf https://scientific.sparx-ip.net/archiveeular finden.
Mediterrane Kost dämpft die Entzündung
Der entzündungshemmende Effekt einer Mittelmeerkost wurde in einer griechischen Studie bestätigt: 105 RA-Betroffene stellten über drei Monate hinweg ihre Ernährung um, eine gleich große Gruppe behielt die übliche Kost bei, an den Medikamenten änderte sich nichts.
Die Mittelmeerkost-Gruppe aß weniger Fleisch, mehr Fisch, verwendete Öle statt Butter, verzehrte mehr Obst und Gemüse sowie Nüsse. Die Betroffenen, die diesen Empfehlungen folgten, hatten eine geringere Krankheitsaktivität und höhere Spiegel des entzündungshemmenden Stoffwechselhormons Adiponektin im Blut. Die Betroffenen mit Mittelmeerkost verringerten zudem ihr Körpergewicht und verbesserten ihr Verhältnis von Fett zu Muskelmasse.
Fazit: Man könnte annehmen, dass für Betroffene in Griechenland die Ernährung mit Mittelmeerkost selbstverständlich ist, doch selbst bei ihnen war der Effekt einer bewussten Ernährungsumstellung messbar. Die Ernährung spielt somit eine wichtige Rolle beim Management einer RA-Erkrankung, aber nicht die einzige. Bewegung sowie antientzündliche Medikamente müssen dazukommen. (POS0546)
Vorsicht bei Übergewicht und ACPA-Antikörpern
RA-Betroffene mit sogenanntem ACPA-Nachweis im Blut (also beispielsweise CCP-Antikörper) sollten besonders auf ihr Gewicht achten. Bei ihnen ist Übergewicht linear mit einem höheren Herz- Kreislauf-Risiko verbunden, also dem Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Ähnliches. Je höher das Übergewicht, umso höher war das Herz-Kreis-lauf-Risiko, und zwar unabhängig von der Therapie.
Bei übergewichtigen Betroffenen mit rheumatoider Arthritis ohne ACPA-Nachweis reduzierte eine Biologikatherapie dagegen das Herz-Kreislauf-Risiko. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie an fast 4.000 RA-Betroffenen, die zehn Jahre lang beobachtet wurden.
Fazit: Es ist bekannt, dass sowohl starkes Übergewicht als auch das Vorliegen einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen. Je besser eine Rheumaerkrankung behandelt wird, desto stärker sinkt dieses Risiko – aber nur, wenn es sich um eine Rheumaform ohne CCP-Antikörper handelt. (POS0162)
Nicht zu viel Folsäure einnehmen!
Mehr als fünf Milligramm Folsäure pro Tag erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist ein wichtiges Ergebnis einer retrospektiven Studie an 8.400 RA-Betroffenen über neun Jahre hinweg.
Fazit: Bei der Therapie mit Methotrexat (MTX) werden üblicherweise nur ein- oder zweimalig fünf Milligramm Folsäure einen oder zwei Tage nach der MTX-Gabe verschrieben. Wer mehr einnimmt, erhöht sein Herz-Kreislauf-Risiko. Eine Dauereinnahme, insbesondere unter MTX, erhöht das Risiko von Nebenwirkungen. Übrigens: In Vitamin-Komplex-Präparaten ist fast immer Folsäure enthalten. Wer diese Präparate gemeinsam mit MTX einnimmt, vermindert die Wirksamkeit von Methotrexat. (POS0167)
Luftverschmutzung erhöht das Risiko für RA
Luftverschmutzung – zum Beispiel durch Waldbrände – erhöht möglicherweise das Risiko, an rheumatoider Arthritis (RA) zu erkranken. Das ist das Ergebnis einer kanadischen Studie. Es wurden zufällig Daten von 3.500 Personen der Region Ontario ausgewählt, wo mehrere ausgedehnte Waldbrände stattgefunden hatten, und diese Daten mit der Luftverschmutzung in dieser Region verglichen. Das Ergebnis: Je stärker die Luftverschmutzung, umso höher waren die Antikörpertiter (antinukleäre Antikörper – ANA).
Die ANA-Blutwerte sind bei vielen Autoimmunerkrankungen erhöht und gelten als Marker für ein erhöhtes Risiko, an entzündlichem Rheuma zu erkranken.
Fazit: Die kanadische Studie bestätigt eine italienische Studie aus Verona, die bereits eine klare Assoziation zwischen Luftverschmutzung und dem Auftreten einer RA nachgewiesen hat. Luftverschmutzung ist damit ein wesentlicher Risikofaktor für Autoimmunprozesse, die man auch bei entzündlichen Rheumaerkrankungen findet. Das durch Schmutzpartikel verursachte überaktive Immunsystem ist ein Risikofaktor für entzündliche Rheumaerkrankungen.
Damit ist Luftverschmutzung als Ursache für diese Erkrankungen zwar nicht bewiesen, aber in der Studie wurden alle Einflussfaktoren, die man schon kennt, statistisch berücksichtigt, wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Stadt-Land-Bevölkerung und Ähnliches. Die Beziehung zwischen Luftverschmutzung und Antikörpertiter war linear: je größer die Luftverschmutzung, umso höher die Antikörpertiter. (POS0101)
Deutschland hat zu wenige Rheumatologen
31 europäische Länder, die zur EULAR gehören, haben Daten zur Versorgungsqualität für Rheumapatientinnen und -patienten im Verlauf gesammelt. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten ist die Versorgung mit Rheumatologen und Rheumatologinnen in Deutschland bezogen auf 100.000 Einwohner sehr schlecht. Hierzulande kommen nur 0,8 rheumatologische Fachärztinnen und Fachärzte auf 100.000 Einwohner. Damit liegt Deutschland auf dem sechstletzten Platz. In Ungarn dagegen praktizieren 8,27 Rheumatologen pro 100.000 Einwohner. Bei der Versorgung mit modernen Rheumamedikamenten gibt es in Deutschland hingegen keine Einschränkungen.
Fazit: Alle Anstrengungen, die Zahl der rheumatologischen Fachärztinnen und Fachärzte zu erhöhen, waren bislang nicht wirksam. Eine Ursache liegt darin, dass die zeitaufwendige Versorgung (ausführliches Erheben der Krankengeschichte, ausgedehnte Untersuchung des gesamten Körpers einschließlich aller Gelenke) relativ gering honoriert wird, während technische Untersuchungen wie Labor und teure Bildgebung deutlich besser bezahlt werden. Diese Leistungen erbringen Rheumatologen aber nur selten selbst. (OP0025)
Männer haben häufiger RA-Komplikationen
Frauen erkranken deutlich häufiger an rheumatoider Arthritis (RA) als Männer. Männer mit RA haben hingegen aber mehr Komplikationen am Herz- Kreislauf-System und an der Lunge und damit eine höhere Sterblichkeit insgesamt. Das zeigen Daten von 544.000 stationären Aufnahmen von 2017 bis 2021 in den USA.
Fazit: Weil epidemiologische Daten diesen Unterschied zeigen, sollten möglicherweise Männer früher und stärker antientzündlich behandelt werden, denn die Aktivität der RA über eine längere Zeit ist einer der höchsten Risikofaktoren für die Sterblichkeit. (POS1416)
Auch E-Zigaretten erhöhen RA-Risiko
E-Zigaretten sind genauso schädlich wie normale Zigaretten. In Laborversuchen konnte festgestellt werden, dass sich citrullinierte Eiweißprodukte im Blut von Rauchern bilden, egal, ob der Tabak verbrannt oder nur erhitzt wurde. Diese veränderten Eiweiße spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von rheumatoider Arthritis (RA).
Fazit: Der Zigarettenrauch enthält sehr kleine Bestandteile – sogenannte Nanopartikel. In der Innenauskleidung der kleinsten Bronchialäste töten diese Nanopartikel Zellen. Bei diesem Mechanismus spielen bestimmte Eiweißprodukte eine Rolle, die man auch als CCP-Antikörper im Blut von RA-Betroffenen findet, die mit einer schlechteren Verlaufsform der RA verbunden sind. Die andauernde Stimulation des Immunsystems durch Nanopartikel des Zigarettenrauchs führt vereinfacht ausgedrückt zu einer Überlastung des Immunsystems.
Es wendet sich daraufhin gegen körpereigene Eiweißprodukte und löst bei genetisch vorbelasteten Personen eine Rheumaerkrankung aus. Rheumapatientinnen und -patienten sollten unbedingt mit dem Rauchen aufhören, egal, ob mit normalen Zigaretten, E-Zigaretten, Zigarren oder mit Pfeife geraucht wird. (POS1406)
Einsatz von Magenschutz kritisch abwägen
Wer über einen längeren Zeitraum Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol oder Omeprazol einnimmt, muss mit Folgen auf die Knochenstabilität rechnen. Die als Magenschutz bezeichneten Medikamente reduzieren dabei nicht unbedingt die Knochendichte, schwächen aber nachweislich den inneren Aufbau des Knochens. Der Effekt trat vor allem bei täglicher Einnahme des Magenschutzmittels auf und zwar besonders, wenn jemand gar keine oder nur wenige Glukokortikoide bekam. Die Daten beruhen auf einer deutschen, prospektiven Langzeitstudie an 1.900 Betroffenen mit einer entzündlichen Rheumaerkrankung mit einem Verlauf von im Mittel 2,7 Jahren.
Fazit: Protonenpumpenhemmer werden häufig bei der Einnahme von mehreren Medikamenten automatisch dazu verordnet. Diese unkritische Einnahme muss hinterfragt werden. Bei einer längeren Einnahme von Kortison ist die Einnahme eines Protonenpumpenhemmers beispielsweise nur notwendig, wenn jemand zusätzlich Schmerzmedikamente einnimmt. Auch wenn Protonenpumpenhemmer nötig sind, etwa bei bestimmten Magen-Darm-Erkrankungen, sollte man ihr Nebenwirkungsrisiko auf die Knochen beachten. Das gilt vor allem, wenn man im Blut niedrige Kalziumspiegel oder erhöhtes Parathormon findet. (POS1252)
Digitale Verhaltenstherapie kann Schmerzen lindern
Mit einer digitalen Verhaltenstherapie kann der chronische Schmerz bei axialer Spondyloarthritis (Morbus Bechterew) verbessert werden. Das ist das Ergebnis einer randomisierten Studie mit Anwendung einer sogenannten ACT-App, also einem Programm für das Smartphone, das Elemente von Akzeptanz und Commitment (Verpflichtung) enthält. Die untersuchte App umfasste sieben interaktive Sitzungen und zwölf Wochen Verlaufsbeobachtung, 73 Betroffene nutzten sie, 63 dienten als Kontrollgruppe. Gemessen wurden die Akzeptanz und die Verbesserung von Schmerzen mit Folgen für die Lebensqualität. 44 von 73 Betroffenen benutzten die App regelmäßig, ihre Schmerzen und ihre Lebensqualität verbesserten sich signifikant.
29 Betroffene hatten Schwierigkeiten mit der App, etwa mit der Kostenübernahme durch die Krankenkasse oder der Handhabung, und konnten die App nicht einsetzen.
Fazit: Digitale Anwendungen können eine Hilfe bei der Versorgung darstellen, das dürfte auch für andere Betroffene mit chronischen Rückenschmerzen zutreffen. Der Anteil der Betroffenen, die mit der App nicht zurechtkamen, ist allerdings relativ hoch. (POS0122)
Autor: Prof. Stefan Schewe, internistischer Rheumatologe in München und ärztlicher Berater der Deutschen Rheuma-Liga
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 5-2025. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

