Die Rheumatologie steht vor großen Herausforderungen: Der Mangel an Fachärztinnen und Fachärzten sowie die wachsende Zahl an Betroffenen führen zu einem zunehmenden Versorgungsengpass.
Besonders bei Lebensstilmodifikationen wie Ernährungsumstellung, mehr Bewegung ins Leben zu bringen oder Abnehmen sind Patientinnen und Patienten oft auf sich allein gestellt.
DiGAs bieten für dieses Problem eine vielversprechende Lösung, indem sie Betroffene gezielt bei der Anpassung ihres Lebensstils unterstützen und motivieren.
Sie ermöglichen einen orts- und zeitunabhängigen Zugang zu evidenzbasierter Therapie.
Was sind DiGAs?
DiGAs sind medizinische Apps, die Patientinnen und Patienten bei der Behandlung und dem Management von Erkrankungen unterstützen. Sie sind offiziell zugelassene digitale Medizinprodukte, die ihre medizinische Wirksamkeit und Sicherheit nachweisen müssen, um ins Verzeichnis erstattungsfähiger DiGAs des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte
(BfArM) aufgenommen zu werden. Eine aktuelle Übersicht über die zunehmende Anzahl an verordnungsfähigen DiGAs und die relevanten Informationen gibt es im Internet.
Das Verzeichnis ist vergleichbar mit herkömmlichen App-Stores und bietet verschiedene Filteroptionen zur gezielten Suche. Es gibt beispielsweise DiGAs zur Rauchentwöhnung, zur Gewichtsreduktion oder zum Alkoholverzicht, gegen Rückenschmerzen, gegen chronische Schmerzen, Stress, Depressionen oder Einschlafstörungen.
Verordnung oder Genehmigung: der Weg zur DiGA
Der Zugang zu einer DiGA ist in Deutschland auf zwei Wegen möglich. Erstens können Ärztinnen, Ärzte, psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten eine DiGA bei entsprechenden Diagnosen verschreiben. Die Verordnung ist aktuell ironischerweise nur auf einem Papierrezept möglich, das Betroffene bei ihrer Krankenkasse einreichen.
Diese stellt dann einen Aktivierungscode aus, mit der die DiGA freigeschaltet werden kann. Dann kann die Nutzung starten. Die meisten DiGAs sind zunächst für drei Monate freigegeben. Danach wird individuell entschieden, ob ein Folgerezept sinnvoll ist. Ebenfalls haben Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, eine DiGA direkt bei ihrer Krankenkasse zu
beantragen, ohne ärztliche Verordnung.
Die Krankenkasse prüft dann, ob die medizinischen Voraussetzungen – meist die Diagnose – für die Nutzung erfüllt sind und genehmigt die DiGA gegebenenfalls.
Gibt es DiGAs für rheumatische Erkrankungen?
Die Zahl der DiGAs wächst stetig. Auch für entzündlich-rheumatische Erkrankungen sind neue DiGAs in der Entwicklung.
Derzeit gibt es zwar noch keine zugelassene spezifische DiGA für Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Lupus (Stand: Januar 2026). Doch erste Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse und eine Zulassung ist beantragt.
Zu den künftigen möglichen DiGAs gehören etwa die App Axia, eine Bewegungstherapie für Betroffene mit axialer Spondyloarthritis. Außerdem sind Web-Apps zur Reduktion von psychischer Belastung in der Entwicklung, etwa Reclarit und VilaRavie.
Nutzen Betroffene bereits DiGAs?
Eine erste Studie mit 191 Patientinnen und Patienten zeigte, dass eine Vielzahl Rheumabetroffener bereits DiGAs erhalten haben und viele davon profitieren. Die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten nutzte die DiGA mindestens einmal pro Woche. 81 Prozent der Betroffenen gaben an, dass die DiGA einfach nutzbar war.
Etwa die Hälfte der Nutzerinnen und Nutzer gab eine Verbesserung durch die DiGANutzung an. Die drei DiGAs, bei denen der höchste Prozentsatz an Betroffenen eine Verbesserung der Symptome berichtete, waren Kaia Rückenschmerzen (neun von elf Betroffenen – 82 Prozent), gefolgt von Oviva (Gewichtsreduktion; fünf von acht Betroffenen – 63 Prozent) und Vivira (Rückenschmerzen); 15 von 25 Betroffenen – 60 Prozent).
Eine aktuelle randomisierte kontrollierte Studie untersuchte die Wirksamkeit der DiGA Vivira für Betroffene mit Spondyloarthritis. In der Studie wurden 59 Patientinnen und Patienten mit chronischem Rückenschmerz entweder mit Vivira oder mit klassischer Physiotherapie behandelt. Die Ergebnisse nach zwölf Wochen zeigten, dass die Vivira-Gruppe eine deutliche Verbesserung der Beweglichkeit verzeichnen konnte, während sich diese in der Physiotherapie-Gruppe verschlechterte.
Ein Großteil der Betroffenen, etwa zwei Drittel, gab an, die DiGA nach der Studie weiter nutzen zu wollen.
Vorteile von DiGAs und Herausforderungen
Durch Interviews mit Betroffenen, Rheumatologinnen und Rheumatologen sowie Herstellern wurden wahrgenommene Vorteile und Barrieren systematisch erarbeitet.
Insbesondere die flexible Nutzung und Effizienz wird als Vorteil wahrgenommen, da die Anwendungen jederzeit und ortsunabhängig genutzt werden können. Dies ermöglicht es Patientinnen und Patienten, ihr Training oder ihre Therapie in den Alltag zu integrieren, ohne auf feste Termine angewiesen zu sein. Darüber hinaus schätzen viele die Benutzerfreundlichkeit und die Möglichkeit, auf personalisierte Behandlungsprogramme zuzugreifen.
Trotz dieser Vorteile bestehen jedoch auch einige Herausforderungen und Barrieren, die die breite Anwendung von DiGAs erschweren. Ein zentrales Problem ist die fehlende persönliche Anleitung, insbesondere bei Bewegungsübungen. Viele Patientinnen und Patienten gaben an, sich bei der Ausführung von Übungen unsicher zu fühlen, da die meisten Apps keine direkte Korrektur oder ein individuelles Feedback bieten.
Einzelne DiGAs wie Kaia Rückenschmerzen ermöglichen durch die Smartphone-Kamera ein direktes Feedback. Ein weiteres Hindernis stellt der zeitaufwendige Verschreibungsprozess dar. Viele Ärztinnen und Ärzte sind mit den Anwendungen nicht ausreichend vertraut. Überdies fehlen struktu rierte Informationen zur Eignung und Wirksamkeit einzelner DiGAs. Auch die Ausstellung von Aktivierungscodes durch die Krankenkassen führt häufig zu Verzögerungen, was dazu führt, dass Betroffene erst nach mehreren Wochen Zugang zur App erhalten.
Zusätzlich zur administrativen Herausforderung zeigt sich, dass es vielen Patientinnen und Patienten schwerfällt, die DiGA regelmäßig zu nutzen. Viele beginnen dabei motiviert mit der Anwendung, doch nach wenigen Wochen lässt die Nutzung nach. Dies liegt zum Teil an fehlenden Erinnerungsfunktionen, mangelnder Motivation oder einer stabilisierten Symptomatik,
die das subjektive Bedürfnis nach der Nutzung reduzieren.
Fazit: neue Möglichkeiten auch für die Rheumatologie
DiGAs erweitern die Möglichkeiten für Patientinnen und Patienten, ihre Gesundheit eigenständig zu managen. Erste Daten sind vielversprechend, viele Begleiterkrankungen lassen sich bereits effektiv adressieren. Zudem sind die ersten Zulassungen für DiGAs bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen in naher Zukunft zu erwarten.
Autor: PD DR. Johannes Knitza. Der Internistische Rheumatologe ist stellvertretender Leiter und Oberarzt am Institut für Digitale Medizin am Universitätsklinikum Marburg.
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 4-2025. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

