Frau Prof. Schaeffer, wie definieren Sie Gesundheitskompetenz?
Der Begriff Gesundheitskompetenz hat seinen Ursprung in der internationalen Debatte über Literacy, also über Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten.
Die Kernidee dahinter: Man benötigt nicht nur ein Mindestmaß an Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, sondern muss auch für die Bewältigung alltäglicher Lebensanforderungen gut „literarisiert“ sein. Das gilt besonders für alles, was mit Gesundheit und Gesunderhaltung zu tun hat.
Damit man körperlich und psychisch fit bleibt, muss man sich richtig ernähren, viel bewegen, seinen Tagesrhythmus auf die körperliche und psychische Verfassung abstellen und außerdem lernen, Gesundheitsgefährdungen und Krankheitsrisiken zu vermeiden. Das alles verlangt eine hohe Gesundheitskompetenz, so die deutsche Übersetzung des Begriffs Health Literacy. Darunter versteht man – grob gesagt – die Fähigkeit, mit relevanten Gesundheitsinformationen umgehen zu können.
Ist man in der Lage, notwendige Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, einzuschätzen und daraus die Schlüsse zu ziehen, die nötig sind, um die eigene Gesundheit zu erhalten oder zu verbessern?
Wie ist es um die Gesundheitskompetenz in Deutschland bestellt?
In Deutschland ist die Gesundheitskompetenz nicht sehr gut ausgeprägt. Die Mehrheit der Bevölkerung erreicht kein befriedigendes Niveau – das haben mehrere Studien gezeigt, die wir an unserer Universität durchgeführt haben. Unsere zweite Erhebung aus den Jahren 2020/2021 hat das bestätigt.
Die neue Studie zeigt kleine Verbesserungen, was natürlich erfreulich ist. Doch insgesamt zeigen die Studien, dass über die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit gesundheitsbezogenen Informationen hat und über eine geringe Gesundheitskompetenz verfügt. Dieses Thema gehört ganz klar auf die politische Agenda.
Wovon hängt Gesundheitskompetenz ab?
Entscheidend sind neben den persönlichen Fähigkeiten die Umgebungsbedingungen: Fehlt es an geeigneten Gesundheitsinformationen oder sind diese unverständlich, qualitativ fragwürdig, falsch oder nicht beurteilbar, kann das die Gesundheitskompetenz beeinträchtigen. Darüber hinaus zeigen alle Studien soziale Unterschiede.
So sind Menschen aus niedrigen Sozio- und Bildungsschichten, ältere Menschen und Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen oft besonders herausgefordert, wenn es um Gesundheitskompetenz geht.
Sollte man nicht meinen, dass ausgerechnet chronisch Kranke über eine hohe Gesundheitskompetenz verfügen?
Gerade chronische Krankheiten stellen mit ihren wechselhaften Verläufen hohe Anforderungen an ein gutes Selbstmanagement, um den Krankheitsverlauf möglichst stabil zu halten, Zuspitzungen und vorzeitige Verschlechterungen zu verhindern, Krisen zu bewältigen und – trotz Krankheit – ein größtmögliches Maß an Lebensqualität zu sichern.
All das erfordert zudem einen kompetenten Umgang mit Gesundheitsinformationen, also Gesundheitskompetenz. Ist sie schlecht ausgeprägt, wirkt sich das ungünstig auf den Krankheitsverlauf und auch das Selbstmanagement der Krankheit aus. Das gilt besonders bei chronischen Mehrfacherkrankungen.
Es gibt mittlerweile gute Studien dazu, die diesen Zusammenhang nachweisen. Eine geringe Gesundheitskompetenz beeinträchtigt das Gesundheits- und Krankheitsmanagement. Grundsätzlich schätzen Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz ihre Gesundheit schlechter ein und verhalten sich ungesünder – sind weniger körperlich aktiv, ernähren sich ungesünder und haben oft Übergewicht, konsumieren zudem vermehrt Tabak, Alkohol und Medikamente und nutzen dadurch das Gesundheitssystem häufiger.
Geringe Gesundheitskompetenz heißt außerdem meist, dass sich Betroffene nicht souverän als informierter Patient oder informierte Patientin verhalten. Das beeinträchtigt den Krankheitsverlauf.
Ist es heutzutage durch das Internet nicht leichter als früher, Gesundheitsinformationen zu bekommen?
Informationen sind heute zwar leichter verfügbar. Zugleich existieren aber sehr viel mehr Informationskanäle als früher. Auch die Menge an Informationen ist enorm gestiegen und wächst immer rascher.
Es ist daher oft schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen, weil viele Infos stark von Fehl- und Falschinformationen durchsetzt sind, oder sie beinhalten versteckte kommerzielle Interessen und subtile Manipulationsabsichten. An dieser Stelle besteht nach wie vor Verbesserungsbedarf!
Wie kann man die Gesundheitskompetenz fördern?
Als wir vor mehr als zehn Jahren die Daten der ersten Studie zur Gesundheitskompetenz in Deutschland gesehen haben, wurde uns rasch klar, dass wir etwas unternehmen müssen. Wir gründeten umgehend eine Initiative von Expertinnen und Experten und haben mit dieser Gruppe und mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung einen Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz erarbeitet. 2018 haben wir ihn dem damaligen Gesundheitsminister Hermann Gröhe übergeben. Der Plan enthält 15 Empfehlungen zur Förderung der Gesundheitskompetenz.
Dazu gehört beispielsweise eine verbesserte Prävention, die Förderung von Gesundheitskompetenz schon in Kindergarten und Schule, aber auch am Arbeitsplatz und im Wohnumfeld. Weitere Vorschläge zielen auf die Verbesserung von Gesundheitsinformationen etwa in den Medien ab. Andere sollen dazu beitragen, das Gesundheitssystem zu verbessern, um insbesondere chronisch Kranken ein gesundheitskompetentes Leben zu ermöglichen.
Gibt es spezifische Ansätze, die sich besonders bewährt haben, um die Gesundheitskompetenz von Menschen mit chronischen Krankheiten zu verbessern?
Da sind zum Beispiel Patientenuniversitäten, also öffentlich zugängliche Veranstaltungen etwa von Universitäten, Hochschulen, Kliniken, Volkshochschulen und Bildungseinrichtungen sowie Informationsveranstaltungen der Selbsthilfe. Spezielle Selbstmanagementprogramme, wie auch die Rheuma-Liga sie anbietet, können dazu beitragen, die Gesundheitskompetenz chronisch Erkrankter zu verbessern. Inzwischen existieren sehr viele auf chronisch Erkrankte zugeschnittene Informationen im Internet, ebenso Podcasts, Videos et cetera.
Gerade hier ist viel entstanden, auch in interessanten digitalen Formaten. Ich sehe aber zwei Herausforderungen. Nach wie vor existieren aus meiner Sicht noch zu wenige Programme, die darauf abzielen, die Gesundheitskompetenz bei chronischer Krankheit zu fördern und die dabei auch die Herausforderungen im Blick haben, die das Leben mit mehreren dauerhaften Krankheiten mit sich bringt.
Zudem fehlt ein systematisches Vorgehen, in das alle Bereiche der Gesellschaft und möglichst viele Akteure eingeschlossen sind. Dazu gehört auch, das Thema Gesundheitskompetenz politisch zu verankern, getreu dem Motto: Health (Literacy) in all Policies (zu deutsch: Gesundheitskompetenz in allen politischen Bereichen).
Brauchen nicht auch Angehörige oder Pflegende eine hohe Gesundheitskompetenz?
Ja, unbedingt, Angehörige stellen über weite Strecken die Betreuung und Versorgung bei chronischer Krankheit sicher. Dazu benötigen sie entsprechende Informationen und Unterstützungen bei anfallenden Fragen.
Darüber hinaus brauchen die Angehörigen der Gesundheitsberufe eine bessere Qualifizierung, um die Gesundheitskompetenz ihrer Patientinnen und Patienten zu fördern. Dazu gehört nicht nur fachliches Know-how, sondern auch solide kommunikative Kompetenzen sowie Wissen und Fähigkeiten dazu, wie man Informationen gut vermittelt. Wir nennen dies professionelle Gesundheitskompetenz. Das ist eine weitere, bedeutende Aufgabe.
Wie geht es jetzt mit dem Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz weiter?
Der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz und auch später entstandene Strategiepapiere haben nach wie vor hohe Relevanz. Bleibt zu hoffen, dass die zahlreichen, darin formulierten Denkanstöße und Empfehlungen für die Umsetzung weiter auf Resonanz und vor allem auf Handlungsbereitschaft stoßen – auch in der Politik.
Prof. Doris Schaeffer, Seniorprofessorin für Gesundheitskompetenzforschung an der Universität Bielefeld. Mit ihr sprach Julia Bidder, Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift "mobil".
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 5-2025. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

