Prof. Sewerin, die meisten Menschen mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung bewegen sich zu wenig – gemessen an den Empfehlungen der WHO. Warum?
Das hat verschiedene Gründe. Wir haben häufig den Eindruck, dass viele Ärztinnen und Ärzte nur sehr zurückhaltend über die Möglichkeiten von Sport aufklären. Aber auch auf Patientenseite gibt es viele Hemmnisse. Schmerzen, besonders in akuten Phasen, führen verständlicherweise dazu, dass man sich weniger bewegt.
Hinzu kommen Ängste, etwas falsch zu machen oder die Gelenke zu schädigen. Das kann zu einem Teufelskreis führen: Bewegungsmangel führt zu Muskelabbau und Gewichtszunahme, Sport fällt dann noch schwerer – was wiederum den Bewegungsmangel verschärft. Dazu kommt, dass Bewegung früher oft mit Schmerzen verbunden war. Wer das einmal erfahren hat, scheut sich oft vor Bewegung.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang von Kinesiophobie. Was versteht man darunter?
Kinesiophobie bezeichnet die Angst vor Bewegung. Wir sehen das bei einem Teil der Betroffenen. Sie wissen, dass Bewegung guttut, trauen sich aber nicht. Das ist ein bekanntes psychologisches Muster: Wer bei Bewegung Schmerzen erlebt hat, speichert diese Erfahrung ab und vermeidet daraufhin Bewegung, um Schmerz zu verhindern. In Studien konnten wir zeigen, dass diese Angst bei Rheumapatienten deutlich häufiger vorkommt als in der Allgemeinbevölkerung. Aber gerade bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ist Bewegung wichtig.
Was weiß man mittlerweile über die molekularen Prozesse, die Sport in Gang setzt?
Als wir noch keine wirksamen Therapien gegen Rheuma hatten, war Bewegung das einzige Mittel, das wir hatten, um die Funktion von Gelenken so gut wie möglich zu erhalten. Heute wissen wir: Bewegung wirkt direkt antientzündlich. Muskelarbeit setzt sogenannte Myokine frei. Das sind Botenstoffe, die Entzündungsreaktionen hemmen. Das heißt, Bewegung ist nicht nur Training für Muskeln und Gelenke, sondern auch eine Form von antientzündlicher Therapie.
Welche Art von Training empfehlen Sie?
Am besten ist eine Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining. Myokine entstehen durch Muskelarbeit, also Krafttraining. Hinzu kommen sollte ein Ausdauertraining, das die Muskeln regelmäßig belastet. Dabei reichen schon 20 Minuten zügiges Gehen, Walken, Schwimmen oder Radfahren. Der Effekt ist da, sobald man ins Schwitzen kommt.
Hilft Bewegung auch gegen Fatigue und Depressionen, die viele Rheumapatienten belasten?
Unter Fatigue verstehen wir eine extreme Erschöpfbarkeit, die sich durch ausreichend Schlaf und Ruhe kaum bessert. Es ist schwierig, sie zu behandeln, weil wir noch wenig über die Ursachen wissen und fast keine Therapiemöglichkeiten haben. Sport und Bewegung bessern diese Erschöpfung oft stärker als viele Medikamente.
Kann man als Rheumapatient durch Sport auch Schaden nehmen?
Schaut man Leistungssportler an, kann man schon davon ausgehen, dass Sport den Gelenken schaden kann. So bekommen etwa Profifußballer häufiger und früher künstliche Gelenke. Sportarten wie Squash oder Tennis mit starken Start-Stopp-Bewegungen sind eher schädlich für die Gelenke. Ansonsten wirkt Bewegung nach dem Prinzip der richtigen Dosis.
Bei Rheumapatienten kommt es darauf an, das individuelle Maß zu finden: genug, um die positiven Effekte zu erreichen, aber nicht so viel, dass Überlastung oder Schmerzen entstehen. Wer gut eingestellt ist, kann praktisch jede Sportart ausüben. Ansonsten kann man gemeinsam mit Ärztinnen, Physiotherapeutinnen oder Sporttherapeuten ein angepasstes Programm entwickeln. Die wichtigste Botschaft ist: Sport ist sicher, seien Sie aktiv! Sie dürfen alles tun, was Sie gern möchten. Finden Sie für sich eine Form von Bewegung und Belastung, die Ihnen Spaß macht.
Gerade zu Jahresbeginn nehmen sich viele Menschen vor, mehr Sport zu treiben. Allerdings lässt die Motivation oft schnell nach. Haben Sie Tipps, wie man dranbleibt?
Der wichtigste Schritt ist, aus der Phase des „Ich sollte“ in die Phase des „Ich will“ zu kommen. Wer noch nicht verstanden hat, dass Bewegung wichtig ist, wird sich nur schwerlich motivieren lassen. Wer dagegen weiß, dass Bewegung hilft, braucht konkrete Pläne. Dazu gehören zum Beispiel feste Zeiten: Dienstags und donnerstags von 18.30 bis 19 Uhr bin ich aktiv.
Idealerweise überlegt man sich direkt Alternativen, etwa ein Programm für zu Hause, falls es regnet und die Walkingrunde ausfällt oder das Schwimmbad geschlossen hat. Es ist auch hilfreich, eine Sportpartnerin oder Gruppe zu suchen, wie auch die Rheuma-Liga sie anbietet. Es fällt viel schwerer, der besten Freundin abzusagen, als sich selbst abzusagen! Wissenschaftliche Studien haben übrigens nachgewiesen, dass Bewegung in der Gruppe deutlich häufiger beibehalten wird.
Gerade ältere Menschen bewegen sich oft zu wenig. Gilt für sie etwas anderes?
Die WHO-Empfehlung von 150 Minuten pro Woche gilt für alle – nur die Form der Bewegung muss angepasst werden. Auch mit 80 Jahren kann man aktiv sein. Jeder muss für sich eine individuelle Form finden. Für Rollstuhlfahrende etwa gibt es Übungen für die Arme. Wichtig ist, etwas zu finden, das Freude macht – das ist die beste Garantie, dranzubleiben.
Spielen entzündliche Prozesse auch bei Arthrose eine Rolle – und hilft deshalb Bewegung?
Arthrose galt lange als reiner Verschleiß, aber wir wissen heute, dass auch Entzündungen daran beteiligt sind. Studien zeigen bislang, dass entzündungshemmende Medikamente, die bei Rheuma zum Einsatz kommen, bei Arthrose kaum wirksam sind. Aber Bewegung könnte über ähnliche Mechanismen helfen – durch Stoffwechselprozesse und Myokine.
Treiben Sie selbst Sport? Und wenn ja, welchen?
Im Moment mache ich hauptsächlich Krafttraining und gehe joggen. Früher habe ich viel Badminton gespielt. Auch für mich gilt, das eine Kombination aus Ausdauer und Krafttraining wichtig ist. Und auch für mich gilt: Es muss Spaß machen – sonst hält man nicht durch!
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 1-2026. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).
Prof. Philipp Sewerin ist Internistischer Rheumatologe und Oberarzt am Rheumazentrum Ruhrgebiet in Herne und Professor für Innere Medizin und Rheumatologie an der Ruhr-Universität Bochum. Mit ihm sprach Julia Bidder, Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift "mobil".

