Fibromyalgie: Gemeinsam gegen den Schmerz

Arztbesuch, Clipdealer

Trotz neuer Erkenntnisse bleibt die Fibromyalgie eine schwer einzuordnende Erkrankung. Was bedeutet das für die Betroffenen und ihre behandelnden Ärzte?

Unter dem Begriff Fibromyalgie versteht man eine Kombination aus generalisierten, chronischen Schmerzsymptomen an Gelenken, Muskeln, Sehnenansätzen, Wirbelsäule („mir tut alles weh“) und Organbeschwerden (Magen-Darm-Beschwerden wie Stuhlgang-Unregelmäßigkeiten, viel Luft im Magen-Darm-Trakt, Bauchschmerzen; Herz-Kreislauf-Erscheinungen wie Schwindel, Herzrasen, Schweißausbrüche, Missempfindungen wie Brennen oder Kribbeln sowie Schlafstörungen und andere Beschwerden). Alle Symptome können in stark wechselnder Ausprägung auftreten.

Eine Diagnose, unterschiedliche Fachärzte

Je nach Fachdisziplin werden andere Schwerpunkte im Verständnis dieser Erkrankung gesehen, teilweise mit unterschiedlichen Therapieansätzen. Involviert in diese Erkrankung sind neben Hausärzten und Internisten die Rheumatologie, Neurologie, Orthopädie, Psychiatrie, Physikalische Medizin, Schmerztherapeuten und andere. Auf dem Deutschen Rheumatologenkongress in Düsseldorf kamen drei Spezialisten zu Wort, die jeweils dieses Krankheitsbild aus ihrem Fachwinkel betrachteten.

Blick ins Gehirn

Die Neurologin Prof. Herta Flor aus Mannheim referierte über die Veränderungen, die man mit modernen bildgebenden Verfahren im Gehirn bei Patienten mit chronischen Schmerzen und Fibromyalgie beobachten kann. Anders als bei Gesunden sind im Gehirn Betroffener immer mehrere Areale gleichzeitig aktiviert. Diese Prozesse laufen unbewusst ab und ähneln Vorgängen, die man bei Angst, Sucht oder Depressionen beobachten kann.

Im Gegensatz zu Gesunden haben Fibromyalgie- Patienten Probleme, übermäßig sensibilisierte Areale wieder „abzuschalten": Hat ein gesunder Mensch Angst, aktiviert dies die gleichen Hirn areale. Ist die Ursache der Angst vorbei, beendet das Gehirn diese Aktivierung. Bei Fibromyalgie bleiben diese Areale jedoch aktiviert. Je mehr von außen kommende Signale (etwa Schmerzen nach einer Verletzung, Durchfall nach einer Infektion, Stress-Situationen, aber auch entzündete Gelenke) hinzukommen, umso stärker ist diese dauerhafte Störung der Schmerz verarbeitung.

Blühende Landschaften, stillende Mütter, fröhlich spielende Kinder – normalerweise löst das Betrachten solcher positiven Bilder die Ausschüttung von „Glückshormonen“ aus. Bei Fibromyalgie-Patienten bleiben die entsprechenden Hirnareale inaktiv, die Belohnungsmechanismen funktionieren nicht. Auf Dauer verändert sich dadurch die Hirnstruktur, insbesondere in den für Schmerz zuständigen Hirnarealen: Immer geringere Reize werden mit immer stärkeren Schmerzsignalen beantwortet. Dieser Prozess ist Gott sei Dank reversibel: Ein Wahrnehmungstraining, Neurofeedback per Computer, Entspannungstraining oder ein positives Schmerztagebuch, bei dem man notiert, was hilfreich war, die Schmerzen zu vermindern, helfen, die veränderten Aktivitätsmuster wieder zu normalisieren.

Neurologische Fragen

Der Psychiater Prof. Wolfgang Eich aus Heidelberg sprach über die Sensibilisierung der Schmerzwahrnehmung durch Verletzungen, die zum Teil in die Kindheit zurückreichen. Sexueller Missbrauch, Gewalterfahrung und emotionale Vernachlässigung sind bei Fibromyalgie-Patienten häufig, aber nicht bei allen zu beobachten. Oft fehlt Betroffenen die Fähigkeit, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Auch die Fähigkeit, sich emotional an Eltern oder andere Vorbilder zu binden, fehlt manchen Betroffenen. Zudem nehmen viele Fibromyalgie-Patienten positiv besetzte Gefühle nicht wahr. Die Folge ist, dass traumatische Ereignisse mit Schmerzen beantwortet werden. Er wies darauf hin, dass es sinnvoll ist, dass ein Psychiater/Psychologe betroffene Patienten mitbetreut: Psychopharmaka könnten dazu beitragen, die Schmerzwahrnehmung zu erleichtern.

Prof. Jordi Serra aus Barcelona beleuchtete eine nachweisbare Störung des peripheren Nervensystems, die bei vielen, wenn auch nicht allen Fibromyalgie-Patienten auftritt. Mithilfe spezieller Messmethoden lässt sich nachweisen, dass die Schmerzbahnen (sogenannte C-Fasern) verstärkt aktiv sind.

Andere Untersuchungen haben eine sogenannte Neuropathie, also eine Erkrankung sehr dünner Schmerzbahnen, nachgewiesen, die für den anfallsartig, einschießenden oder brennenden, dumpfen Schmerz verantwortlich zeichnen. Diese Fasern reagieren empfindlicher und früher auf leichte Schmerzreize als bei Gesunden, die Signalverarbeitung in ihnen ist verzögert und hält länger an. Aus weiteren Studien Würzburger Arbeitsgruppen weiß man, dass die Zahl dieser Schmerzbahnen in der Haut geringer ist als bei Gesunden oder Depressionspatienten. Medikamente können diese Störung bisher kaum beeinflussen. Übliche Schmerzmedikamente wirken dort jedoch meist nicht.

Konsequenzen für betroffene Patienten und Ärzte

  • Die Behandlung der Patienten muss multimodal, also von mehreren Seiten gleichzeitig angegangen werden.
  • Ganz wesentlich ist die Information des Patienten über die Art der Erkrankung als Schmerzwahrnehmungsstörung, also keine Erkrankung, die im Rollstuhl endet. Gelenke, Muskeln, Sehnenansätze sind trotz der Schmerzen voll funktionsfähig.
  • Ein körperliches, langsam steigerndes Fitness-Training ist ein wesentlicher Baustein der Therapie. Es verändert die Schmerzwahrnehmung und gewöhnt das Gehirn und die peripheren Nerven daran, normale körperliche Belastungen nicht mit vermehrten Schmerzen zu beantworten. Dieses geht anfangs oft nicht ohne verstärkte Schmerzauslösung. Langfristig sinkt jedoch die Schmerzwahrnehmung.
  • Jede Schmerzursache sollte so gut wie möglich zusätzlich behandelt werden: Sind beispielsweise die Gelenke entzündet, muss die Entzündung verringert oder beseitigt werden. Bei Abnutzungsproblemen in den Gelenken helfen zum Beispiel Einlagen, Schuhe mit Polsterung oder Dehnübungen.
  • Ärzte für Physikalische Medizin können Muskelverhärtungen oder Muskelverkürzungen (zusätzliche Schmerzauslöser) angehen, für einen physiologischen, natürlichen Bewegungsablauf in der Gymnastik sorgen, etwa durch Dehnübungen oder Entspannungsübungen.
  • Medikamente wie Amitriptylin, Citalopram, Duloxetin können die veränderte Schmerzwahrnehmung zwar verbessern, jedoch nicht normalisieren. Zudem haben sie Nebenwirkungen, etwa Gewichts - zunahme, was aufgrund überlasteter Gelenke zusätzlich das Schmerzempfinden verstärken kann.
  • Der Psychiater und/oder der Psychologe müssen in die Behandlung mit einbezogenwerden: Seelische Leiden müssen medikamentös und/oder durch Verhaltenstraining angegangen werden.  Für den Patienten bedeutet diese Therapieart vermehrteBesuche bei Ärzten und  Behandlern unterschiedlicher Fachrichtungen.


Es ist nicht zielführend, wenn Ärzte über unterschiedliche Ursachen und daraus ableitbare unterschiedliche Behandlungsmodalitäten streiten. Keine Gruppe kann für sich alleine erfolgreich sein. Der Weg zu einem erträglichen Umgang mit den Schmerzen, die vollständig nur selten verschwinden, ist lang und mühevoll, aber erfolgreich, wenn ein Patient seine Erkrankung aktiv angeht und nicht zu große Erwartungen in Richtung Schmerzfreiheit hat.

Zum Autor

Prof. Stefan Schewe ist internistischer Rheumatologe in München und Ebersberg und ärztlicher Berater der Redaktion mobil.

 

Therapieempfehlungen für Betroffene

Aktuelle Broschüre Fibromyalgie

Broschüre neu aufgelegt

Die Fibromyalgie-Broschüre wurde überarbeitet und aktualisiert. Darin finden sich z.B. die Therapieempfehlungen der Experten. In dem Fibromyalgie-Verbraucherbericht haben Betroffene Therapien bewertet. Hier finden Sie eine Rangliste der von Patienten am nützlichsten empfundenen Therapien bei Fibromyalgie