Dr. Anna Maier ist Rheumatologin, Schmerztherapeutin und Leitende Oberärztin am St. Josef-Stift Sendenhorst. In ihrem Buch "Rheuma ist weiblich" erklärt sie, wie Frauen Rheuma erleben und gezielt Beschwerden lindern können.
Aus dem im Februar 2026 erschienen Buch stammt dieser Text. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung. Das Buch ist erschienen im Humbodt Verlag.
In meiner Sprechstunde höre ich es immer wieder: „Ich bin einiges gewohnt – dieser Schmerz bringt mich trotzdem an meine Grenze.“ Viele meiner Patientinnen beschreiben ihre Schmerzen intensiver, komplexer – und oft auch anders, als man es in Lehrbüchern liest. Das hat nichts mit Empfindlichkeit im Sinne von übertreiben zu tun, sondern mit messbaren biologischen und psychologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern.
Studien belegen, dass Frauen häufiger unter chronischen Schmerzen leiden als Männer. Sie berichten nicht nur über mehr Schmerzen, sondern erleben diese oft auch als stärker, länger andauernd und belastender. Beispiele dafür sind Migräne, Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom oder auch chronische Rückenschmerzen – Erkrankungen, bei denen entzündliche und nichtentzündliche Prozesse ineinandergreifen.
Das Schmerzgedächtnis
Ein Grund dafür liegt in unserem Nervensystem, genauer im sogenannten Schmerzgedächtnis – also der Fähigkeit des Körpers, Schmerzen auch nach Abklingen der Ursache weiter zu empfinden. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich bestimmte Hirnregionen, die an der Schmerzwahrnehmung beteiligt sind, unter Einfluss der weiblichen Geschlechtshormone anders vernetzen. Östrogene wirken zum Beispiel nicht nur auf das Immunsystem, sondern auch direkt auf die Schmerzwahrnehmung.
Man kann sich das wie einen doppelten Effekt vorstellen. Das weibliche Hormon Östrogen stärkt grundsätzlich das Immunsystem. Das ist wichtig, um Viren oder Bakterien gut abwehren zu können. Doch genau dieser Schutzmechanismus kann bei chronischen Entzündungen, wie sie bei Rheuma vorkommen, auch zum Problem werden. Denn das Immunsystem bleibt dauerhaft aktiv und schüttet dabei bestimmte Botenstoffe aus, die Entzündungen im Körper weiter anfeuern.
Diese Botenstoffe – sogenannte Zytokine – heißen beispielsweise TNF-alpha, Interleukin-1 oder Interleukin-6. Sie fördern nicht nur die Entzündung, sondern machen auch die Schmerzrezeptoren in den Nerven empfindlicher.
Man könnte sagen: Die Nerven „funken lauter“, als sie eigentlich müssten. Dies führt dazu, dass schon ein eigentlich harmloser Reiz als schmerzhaft empfunden werden kann. Und: Schmerzen können länger anhalten oder sich stärker anfühlen, als es objektiv nötig wäre. Gerade bei Rheuma ist das ein Grund dafür, warum Betroffene oft unter anhaltenden oder übermäßig starken Schmerzen leiden – selbst dann, wenn die Entzündung an sich schon wieder abklingt.
Der Umgang mit Schmerz
Ein weiterer, oft übersehener Aspekt im Zusammenhang mit Schmerz: Viele Frauen machen schon sehr früh im Leben regelmäßig schmerzhafte Erfahrungen, die nicht krankhaft, aber dennoch körperlich und emotional belastend sein können. Monat für Monat erleben sie Menstruationsschmerzen – bei manchen nur leicht spürbar, bei anderen krampfartig, stechend oder dumpf und über viele Stunden hinweg anhaltend. Auch Schmerzen rund um den Eisprung, Rückenschmerzen im Zyklus oder Beschwerden durch hormonelle Schwankungen sind für viele Frauen ein wiederkehrender Teil ihres Alltags.
Hinzu kommen Erfahrungen wie Geburtsschmerzen, die zu den intensivsten Formen körperlichen Schmerzes zählen, die ein Mensch erleben kann. Auch viele gynäkologische Eingriffe oder Untersuchungen, etwa das Einsetzen einer Spirale, Operationen an der Gebärmutter oder Endometriose, sind mit Schmerzen verbunden, die in ihrer Wirkung oft unterschätzt oder bagatellisiert werden.
All diese Erfahrungen hinterlassen Spuren. Sie beeinflussen das Nervensystem und die Schmerzwahrnehmung. Doch sie verändern auch unsere innere Haltung gegenüber dem Schmerz. Viele Frauen lernen schon in jungen Jahren, Schmerzen nicht einfach zu ignorieren, sondern sie zu beobachten und auszuhalten.
Geschulte Wahrnehmung
Diese geschulte Körperwahrnehmung führt dazu, dass viele Frauen ihre Beschwerden später genauer beschreiben können als Männer. Sie sind oft besser darin, Veränderungen im Körper frühzeitig zu bemerken – auch bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma. Das kann ein Vorteil sein, wenn es um eine frühe Diagnose und Behandlung geht.
Gleichzeitig führt genau dieses „Mehr an Wahrnehmung“ nicht selten dazu, dass Frauen von Ärzten als überempfindlich oder zu empfindlich wahrgenommen und ihre Schmerzberichte weniger ernst genommen werden, als es nötig wäre. Hinzu kommt, dass Frauen Schmerzen oft anders ausdrücken als Männer. Während Männer ihre eher sachlich und körperbezogen beschreiben („Es zieht im Rücken“, „Es sticht im Knie“), sprechen wir Frauen häufiger über das, was Schmerzen emotional mit uns machen – über Überforderung, Erschöpfung oder Hilflosigkeit.
Schmerz ist für viele von uns nicht nur ein körperliches Symptom, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas im ganzen Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Auch psychische Belastungen haben einen großen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung – und gerade bei Frauen mit chronischen Erkrankungen treten sie häufig auf. Stress, emotionale Anspannung, soziale Überforderung und Erschöpfung sind keine Begleiterscheinungen, sondern wirken direkt auf das Nervensystem. Besonders die Kombination aus alltäglichem Druck, mentaler Daueranspannung, familiärer und beruflicher Mehrfachbelastung sowie hormonellen Schwankungen kann das Schmerzempfinden verstärken – wie ein innerer Lautstärkeregler, der immer weiter aufgedreht wird.
Schmerz ist vielschichtig
Viele Frauen beschreiben diesen Zustand als eine Art Schmerzspirale. Körperliche Beschwerden führen zu psychischem Stress – der wiederum die Schmerzen verstärkt. Diese Spirale kann dazu führen, dass selbst kleinere Symptome sich plötzlich massiv anfühlen oder chronische Beschwerden kaum noch abklingen. Die Erschöpfung, die daraus entsteht, ist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch tiefgreifend. Gerade deshalb genügt es aus meiner Sicht nicht, bei Schmerz nur an Tabletten oder schnelle Behandlungsansätze zu denken. Denn Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Er wird von biologischen, hormonellen, psychischen und sozialen Faktoren beeinflusst. Es braucht ein ganzheitliches Verständnis – eines, das biologische Unterschiede ernst nimmt, hormonelle Einflüsse mitbedenkt und emotionale Belastungen nicht abtut. Denn Schmerz ist nie nur eine körperliche Sache. Er ist oft ein vielschichtiges Signal, das nach Aufmerksamkeit ruft. Deshalb ist es so wichtig, weibliche Schmerzbiografien ernst zu nehmen und sie differenzierter zu betrachten.
Frauenrunden ticken anders
Ich durfte viele Frauenseminare leiten und Onlinerunden begleiten und habe dabei eines gelernt: Der Austausch unter Frauen ist offen, ehrlich und voller Vertrauen. Wir sprechen ohne Scheu über Menstruationsbeschwerden, Schwangerschaftsvergiftungen, Blasenschwäche oder die Herausforderungen eines Kaiserschnitts.
Auch die Hitzewallungen in den Wechseljahren sind kein Tabu. All das geschieht nur, wenn Frauen sich sicher fühlen – was oft erst dann der Fall ist, wenn kein Mann im Raum ist. In diesen geschützten Räumen entstehen Gespräche, die weit über das rein Medizinische hinausgehen. Es geht um Selbstfürsorge, Körperwissen und emotionale Belastungen – Dinge, die viel Raum brauchen und im Alltag oft zu kurz kommen.
All das, was im Sprechzimmer beim Arztgespräch oft kaum Platz findet – dafür umso mehr unter Frauen. Für mich als Ärztin ist dieser Austausch ein Schatz, den ich auch in die Behandlung einfließen lasse. Ich nehme ihn mit – er hilft mir, achtsamer und näher dran zu sein. Immer wieder bin ich bewegt, wie viel Wissen im Raum gesammelt wird und wie groß die gegenseitige Unterstützung ist.


