Bei Fibromyalgie ist die Schmerzwahrnehmung gestört. Was bedeutet das, und welche Therapien können helfen? Julia Bidder, Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift "mobil", sprach darüber mit PD Dr. Julia Wölfle-Roos. Sie ist Chefärztin der Abteilung Orthopädie und Schmerztherapie an der m&i-Fachklinik Ichenhausen.
Frau Privat-Dozentin Dr. Wölfle-Roos, Sie sind Orthopädin und Schmerztherapeutin und behandeln unter anderem Betroffene mit Fibromyalgie. Wie definieren Sie diese Erkrankung, und wie grenzen Sie diese von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ab?
Fibromyalgie ist keine psychische Erkrankung, sondern eine somatische, also auf Körperfunktionen bezogene – allerdings eine, bei der man auf den Bilduntersuchungen nichts sieht. Ich erkläre es meinen Patientinnen und Patienten als Schmerzwahrnehmungsstörung, das heißt, Schmerzen werden stärker empfunden, als der Patient sie früher empfunden hat oder als eine Vergleichsperson sie empfinden würde.
Fibromyalgie und entzündliches Rheuma resultieren beide in Schmerzen, aber der Weg zu den Schmerzen ist ein anderer. Bei Fibromyalgie werden Schmerzen so verarbeitet, dass sie am Ende stärker im Gehirn ankommen. Das nennt man zentrale Sensibilisierung. Es gibt eine Studie, bei der man von Betroffenen mit Fibromyalgie Blut entnommen hat und daraus die Antikörper isoliert hat, das sind spezielle Bluteiweißstoffe. Dann hat man diese Antikörper an gesunde Mäuse gegeben – und bei diesen Mäusen stieg die Schmerzwahrnehmung stark an.
Wir können zwar noch nicht hundertprozentig sagen, wo die organische Ursache für diese erhöhte Schmerzwahrnehmung liegt. Aber es ist mittlerweile bekannt, dass diese Antikörper auf bestimmte Strukturen am Rückenmark wirken, vermutlich im Bereich der Hinterhornganglien. Das Hinterhornganglion ist ein wichtiger Knotenpunkt in der Schmerzbahn. Noch kann man dieses Wissen zwar weder zur Diagnostik noch für die Therapie verwenden. Aber für viele Fibromyalgiebetroffene ist es eine große Erleichterung, zu wissen, dass sie sich nichts einbilden, sondern dass ihre Schmerzwahrnehmung erhöht ist.
Wie erfolgt die Diagnose?
Es gibt verschiedene Fragebögen, darunter den sogenannten Widespread Pain Index, der abfragt, an wie vielen Stellen im Körper man Schmerzen hat. Ein zweiter Fragebogen erfasst verschiedene Begleitsymptome, etwa Konzentrationsstörungen, nichterholsamen Schlaf und Ähnliches. Und das dritte Kriterium ist der Ausschluss anderer Erkrankungen, die die Schmerzen erklären könnten.
Aber Betroffene mit entzündlichem Rheuma haben typischerweise nicht nur Schmerzen in den Gelenken, sondern auch zum Beispiel sicht- und tastbare Gelenkschwellungen. Bei Fibromyalgiebetroffenen schmerzt eher die Muskulatur, oft fühlt es sich an wie ein Muskelkater, aber auch wie ein Panzer, mit einem Gefühl von Steifigkeit und Schwere. Das hilft bei der Abgrenzung der beiden Erkrankungen. Das ist insbesondere bei Patientinnen und Patienten, die gleichzeitig entzündliches Rheuma haben, oft gar nicht so einfach.
Warum tritt Fibromyalgie häufig als Begleiterkrankung einer entzündlichen Rheumaerkrankung auf?
Warum das so ist, dazu gibt es bislang viele theoretische Überlegungen. Möglicherweise sind die genetischen Veranlagungen für Fibromyalgie und entzündlich-rheumatische Erkrankungen gekoppelt, oder die chronische Entzündung stört schlichtweg die Schmerzverarbeitung. Möglicherweise sind aber auch chronische Schmerzen selbst die Ursache und stören die Schmerzwahrnehmung sowie -verarbeitung. Das ist dann wieder die zentrale Sensibilisierung.
Welche Rolle spielt die Psyche?
Die Schmerzen sind weder rein psychisch noch rein körperlich. Vielmehr gibt es mehrere Faktoren, an denen man auf unterschiedliche Art und Weise arbeiten muss. Deshalb ist eine multimodale Schmerztherapie bei Fibromyalgie sinnvoll, weil sie viele verschiedene Therapiebausteine zusammenführt, etwa Medikamente oder – ganz wichtig! – Bewegung.
Chronische Schmerzen haben aber auch Folgen auf die Psyche, unter anderem Frustration und unter Umständen auch Depression, wenn die Schmerzen nicht aufhören. Psychische Probleme sind also möglicherweise Ursache und Folge zugleich.
Welche Rolle spielt das für die Therapie?
Es gibt viele psychologische Therapieansätze, aber diese muss man richtig kommunizieren, sonst schreckt man Betroffene ab, wenn man ihnen eine Psychotherapie empfiehlt. Bei der Therapie sind die Schlüsselworte Achtsamkeit, Abgrenzung und Selbstwirksamkeit. Was kann ich selbst gegen meinen Schmerz tun, welche Situation kann ich erkennen, die den Schmerz auslöst. Stress- und Alltagsmanagement können dabei helfen, den Alltag so zu strukturieren, dass die Schmerzen weniger Raum einnehmen.
Es geht oft auch darum, dass man beim Leben mit einer chronischen Erkrankung die richtige Geschwindigkeit für jeden Lebensabschnitt finden muss, das sogenannte Pacing. Das hört sich manchmal frustrierend an, aber die Geschwindigkeit kann ja auch wieder zunehmen. Wichtig ist nur, dass man aus der Abwärtsspirale mit Überforderungen und Einschränkungen rauskommt.
Welche Rolle spielen Medikamente bei der Behandlung?
Es gibt Medikamente, die zum Einsatz kommen können, darunter Antidepressiva oder neuropathische Medikamente. Was zurzeit diskutiert wird, ist Cannabis. Laut Leitlinie darf es nicht verwendet werden, aber eine Praxisleitlinie der Deutschen Schmerzgesellschaft sagt, man kann es zur Schmerzlinderung ausprobieren.
Tatsächlich gibt es eine randomisiert kontrollierte Studie, die bei Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie im Vergleich zu Placebostudien wirklich eine Schmerzlinderung feststellt. Möglicherweise lindert Cannabis weniger den eigentlichen Schmerz, sondern vielmehr die Stressreaktion, die auf den Schmerz folgt – und dann sind wir wieder bei der Schmerzwahrnehmung. Allerdings gibt es noch nicht genügend Erkenntnisse, die Studienlage gibt zurzeit noch keine Empfehlung für Cannabis her.
Warum ist Bewegung so wichtig?
Die Selbstwirksamkeit ist sehr wichtig, jeder und jede Betroffene sollte lernen, was er oder sie selbst tun kann, um die Schmerzen zu durchbrechen. Bewegung ist dabei ganz entscheidend. Allerdings müssen Fibromyalgiebetroffene darauf achten, dass sie sich nicht überlasten.
Wenn jemand zu viel macht, kann das dazu führen, dass Schmerzen und Erschöpfung erst einmal überhandnehmen. Im schlimmsten Fall ist der- oder diejenige über Monate hinweg zu keiner Aktivität mehr bereit. Ich plädiere fürs klein anfangen. Lieber kurze Intervalle über wenige Minuten, zum Beispiel einfach mal ums Haus gehen. Die Motivation ist wahnsinnig wichtig, man muss etwas machen, was einem Spaß bereitet.
Bei Bewegung werden körpereigene Endorphine freigesetzt. Endorphin und das Schmerzmittel Morphin klingen nicht nur ähnlich, sie haben auch ähnliche Wirkungen – deshalb geht man davon aus, dass Bewegung auch schmerzlindernd ist. Und es geht darum, eine Abwärtsspirale zu vermeiden.
Wenn ich irgendwann keine 100 Meter mehr laufen kann, sind es irgendwann auch keine 50 Meter und keine zehn Meter mehr, und vielleicht schaffe ich es irgendwann nicht mehr selbstständig auf die Toilette. Man nennt das Fear-Avoidance-Beliefs, zu Deutsch so viel wie: Angst-Vermeidungs-Überzeugungen.
Man hat die Erfahrung gemacht, dass man Schmerzen nach müssen Fibromyalgiebetroffene darauf achten, dass sie sich nicht überlasten. Wenn jemand zu viel macht, kann das dazu führen, dass Schmerzen und Erschöpfung erst einmal überhandnehmen. Im schlimmsten Fall ist der- oder diejenige über Monate hinweg zu keiner Aktivität mehr bereit. Ich plädiere fürs klein anfangen.
Lieber kurze Intervalle über wenige Minuten, zum Beispiel einfach mal ums Haus gehen. Die Motivation ist wahnsinnig wichtig, man muss etwas machen, was einem Spaß bereitet.
Wie kann ich diese Abwärtsspirale unterbrechen?
Indem man wieder positive Erlebnisse für den Körper schafft. Mit Unterstützung zum Beispiel einer Physiotherapeutin oder eines Physiotherapeuten stellt die Patientin oder der Patient fest, dass sie oder er noch viel mehr kann, als ursprünglich gedacht. So wird aus der Abwärtsspirale eine Aufwärtsspirale.
Gymnastik im Wasser hat sich dabei als sehr vorteilhaft erwiesen, weil das Körpergewicht durch den Auftrieb reduziert wird und sich die Last auf die betroffenen Gliedmaßen verringert. Im Wasser kann man Bewegungen, die schwerer fallen, besonders langsam ausführen, dann bremst das Wasser die Bewegung weniger aus. Bewegungen, die mir leichtfallen, mache ich dagegen schneller, und ich habe einen höheren Trainingseffekt durch den Wasserwiderstand. Wenn man klein anfängt, hat man schnell Erfolgserlebnisse.
Fibromyalgiebetroffene sollten immer in Bewegung bleiben und zudem ihre Erkrankung annehmen. Damit zu hadern, bringt nichts und kostet nur unnötige Energie.
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 3-2026. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

