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Rheuma: Welche Rolle spielt das Darmmikrobiom?

Korb mit verschiedenen Gemüsesorten

Welche Auswirkung hat die Ernährung auf Rheuma? Der Schlüssel könnte möglicherweise im Darm liegen.

Manche Rheumabetroffene profitieren von vegetarischer Kost oder Fastenkuren, andere berichten, dass die Ernährung gar keinen Effekt auf ihre Erkrankung hat. Möglicherweise liegt der Schlüssel für die unterschiedlichen Wirkungen in unserem Darm, erklärt Prof. Martin Kriegel von der Universität Münster.

Prof. Kriegel, was versteht man unter dem Darmmikrobiom?

Mit dem Begriff Darmmikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen im menschlichen Darm. Es umfasst etwa 38 Billionen Bakterienzellen. Man hat in den vergangenen Jahren weltweit unheimlich viel dazu herausgefunden. Allerdings sind viele Untersuchungen an Modellorganismen erfolgt, etwa an genmanipulierten Mäusen oder an Zellkulturen.

Deshalb können wir viele neue Erkenntnisse noch nicht im klinischen Alltag anwenden. Aber in einigen Jahren werden wir sicherlich in der Lage sein, bei bestimmten rheumatischen Erkrankungen klare Ernährungsempfehlungen zu geben.

Welche Rolle spielt das Mikrobiom für die Gesundheit beziehungsweise für die Entstehung von Krankheiten?

Eine sehr große! Die Darmflora – also die Gesamtheit der Bakterien und anderen Mikroorganismen im Darm – sorgt dafür, dass unser Immunsystem richtig funktioniert und uns schützt. Im Darm finden sich etwa 70 Prozent der Immunzellen unseres Körpers.

Wir wissen mittlerweile, dass bestimmte Bakterien in unserem Darm mitbestimmen, wie stark unser Immunsystem reagiert, wenn es durch einen Infekt oder entartete Zellen herausgefordert wird. Dadurch verstehen wir allmählich, welche Botenstoffe auf molekularer Ebene diese Prozesse befeuern oder hemmen. Kurzum gesagt, es gibt gute Bakterien im Darm, die Entzündungsprozesse lindern können, und schlechte, die Entzündungen verstärken können.

Wie gelangen diese Bakterien in den Darm?

Schon bei der Geburt erhalten wir die ersten Bakterien beim Durchgang durch den Geburtskanal oder über die Haut der Mutter, auch durch den Kontakt zu anderen Menschen oder Tieren. Über die Muttermilch kommen weitere wichtige Mikroben dazu.

Das Darmmikrobiom verändert sich aber das ganze Leben lang und wird zum Beispiel maßgeblich dadurch beeinflusst, was wir essen und trinken. Unsere Nahrung dient auch den Bakterien als Nahrung. Je nachdem, was wir zu uns nehmen, vermehren sich bestimmte Arten stärker oder gehen zugrunde. Auch Rauchen verändert das Mikrobiom im Darm.

Welche Rolle spielt das Darmmikrobiom für rheumatische Erkrankungen?

Offenbar eine wichtige! Es ist schon lange bekannt, dass bakterielle Entzündungen zum Beispiel einen großen Anteil an chronischen Darmentzündungen wie Morbus Crohn haben. Bei mehr als der Hälfte aller Patientinnen und Patienten mit Spondyloarthritiden (Morbus Bechterew, Anmerkung der Redaktion) finden wir mikroskopische Darmentzündungen.

Bei Lupus erythematodes, rheumatoider Arthritis und Psoriasis-Arthritis gibt es ebenfalls immer mehr Hinweise darauf, dass bestimmte Mikroben im Darm (und teils auch anderen Oberflächen) zu entzündlichen Prozessen führen und hoch komplexe Vorgänge mit beeinflussen. So findet man im Schub andere Bakterienzusammensetzungen, als wenn die Erkrankung weniger aktiv ist. Dabei können ganze lebende Bakterien sogar die eigentlich für sie unpassierbare Darmbarriere überwinden: Die Darmschleimhaut wird durchlässiger. Wissenschaftler sprechen von translozierten Bakterien, die in den Körper eingewandert sind. Sie triggern bestimmte Immunprozesse und können rheumatische Erkrankungen verstärken oder sogar mit auslösen.

Weiß man, was zuerst da war: Hat die rheumatische Entzündung die Darmbarriere so geschädigt, dass sie durchlässiger wird, oder ist die Rheumaerkrankung Folge der durchlässigen Darmschleimhaut?

Neueste Arbeiten deuten darauf hin, dass verschiedene Faktoren die Darmbarriere schädigen können, darunter bestimmte Mikroben, aber auch Umweltfaktoren, Antibiotika, eine erbliche Veranlagung und auch die Ernährung. Auf der anderen Seite lösen Mikroben, die auf der „falschen“ Seite des Darms sind, Entzündungsprozesse aus, die wiederum die Darmbarriere durchlässiger machen.

Was zuerst da war, ist noch nicht abschließend geklärt. Allerdings wissen wir beispielsweise von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, dass sich die Darmbarriere oft verbessert, wenn man TNF-Alpha-Blocker gibt. Allerdings müssen wir jede Erkrankung für sich betrachten. Ausgerechnet die Bakterien, von denen wir glauben, dass sie Lupuserkrankungen mit auslösen, haben vielleicht auch einen bestimmten Vorteil für den Körper.

Welcher Vorteil könnte das sein?

Überraschenderweise kann die Translokation mancher Bakterien dazu beitragen, die Antwort des Immunsystems auf Krebszellen zu stärken. Es wird gewissermaßen nachgeschärft und kann entartete Körperzellen besser entlarven und töten.

Allerdings kann diese speziell verbesserte Fähigkeit des Immunsystems auch zu Lupus führen, wenn man zusätzlich noch andere Faktoren wie falsche Gene besitzt. Ob die gleichen Stämme dieser Bakterien an beiden Prozessen beteiligt sind, ist noch unklar, aber eine gewisse Veranlagung der Patientinnen und Patienten trägt wahrscheinlich dazu bei.

Wie kann man sein Mikrobiom günstig beeinflussen?

Kurz gesagt, alles, was wir essen, ändert unser Mikrobiom. Für Lupus und rheumatoide Arthritis gibt es erste wissenschaftliche Nachweise, dass unsere Ernährung die Darmfunktion und die Darmbarriere verändert und dadurch auch Einfluss auf die Gelenke und inneren Organe hat. Resistente Stärke zum Beispiel hat einen positiven Einfluss auf die Darmflora.

Was versteht man unter resistenter Stärke?

Normale Stärke wird im Dünndarm in Zuckermoleküle aufgespalten, die von der Darmschleimhaut aufgenommen werden. Resistente Stärke dagegen wird nicht im Dünndarm verdaut, sondern landet in ihrer ursprünglichen Form bei bestimmten Bakterien im Dickdarm, denen sie als Nahrung dient.

Die Stoffwechselprozesse dieser Bakterien, die resistente Stärke nutzen, wirken sich positiv auf Entzündungsprozesse aus. Bestimmte Entzündungsbotenstoffe, die bei Lupus eine wichtige Rolle spielen, werden dadurch vermindert.

In welchen Lebensmitteln steckt resistente Stärke?

Es gibt fünf verschiedene Arten resistenter Stärke. Für den sogenannten Typ zwei haben wir einen positiven Effekt auf Lupus im Mausmodell finden können. Diese spezielle Stärke steckt in grünen Bananen und rohen Kartoffeln, gehört also nicht zu unseren normalen Lebensmitteln.

Wir arbeiten zusammen mit Kolleginnen und Kollegen daran, Lebensmittel mit dieser Stärke herzustellen. Wenn jemand an Lupus erkrankt ist und grüne Bananen verträgt, kann man durchaus mal dazu greifen. Aber wir brauchen auf jeden Fall noch weitere Studien dazu.

Kann man denn schon Ernährungsempfehlungen aus Ihren Forschungsergebnissen ableiten?

So etwas ist grundsätzlich sehr schwierig, aber es gibt schon eine gute Studie für rheumatoide Arthritis und interessanterweise auch für Arthrose, bei der die Wirkung einer pflanzenbasierten Ernährung in Verbindung mit mehr Bewegung und weniger Stress und einem speziellen Schlafmanagement untersucht wurde.

Für rheumatoide Arthritis verbesserte dieser Ansatz den Wert auf dem DAS-28-Index um einen ganzen Punkt, also einen gängigen Wert, um die Aktivität einer Rheumaerkrankung zu beschreiben. Ein niedrigerer Wert bedeutet weniger Schmerzen und weniger Entzündung. Aber auch bei Arthrose besserten sich Steifheit, Schmerz und körperliche Funktion. In weiteren Studien wurde nachgewiesen, dass eine pflanzenbasierte Kost auch die Darmbarriere verbessert, und so möglicherweise weniger Bakterien oder deren Bestandteile aus dem Darm ins Körperinnere dringen können.

Sie haben auch gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern den Effekt von Fastenkuren auf entzündliches Rheuma mit untersucht. Was kam dabei heraus?

Eine einwöchige Fastenkur mit einer Kalorienaufnahme von täglich maximal 300 Kilokalorien kann tatsächlich einen positiven Effekt auf Betroffene mit rheumatoider Arthritis haben. Studien haben gezeigt, dass unter anderem ein Darmbakterium, das einen entzündungsverstärkenden Effekt hat, durch Fasten weniger wird. Insgesamt kann man mittlerweile sagen, dass eine allgemein kalorienreduzierte Ernährung dazu beitragen kann, die schlechten Bakterien am Wachstum zu hindern.

Allerdings ist das sehr individuell – bei Lupus beispielsweise wurde das Fasten noch gar nicht systematisch untersucht, aber anhand unseres Wissensstands könnte es eher schädlich sein im Vergleich zur rheumatoiden Arthritis. Wer ausprobieren möchte, ob Fasten einen positiven Effekt hat, kann entweder die Kalorien insgesamt reduzieren oder eine Fastenwoche einlegen – oder auch zum Beispiel ein Intervallfasten machen, das bedeutet, dass die Kalorienaufnahme nur innerhalb von acht Stunden des Tages erfolgt und die anderen 16 Stunden ohne Nahrungsaufnahme verlaufen. Es hilft tatsächlich, wenn man den Bakterien im Darm einfach mal für einige Zeit keine Nahrung zukommen lässt.

Die sogenannten Ketonkörper, die unser Körper beim Fasten bildet, dienen den Darmepithelzellen als Nahrung und hemmen gleichzeitig das Wachstum von schlechten Bakterien im Darm. Ketonkörper sind also gleich doppelt hilfreich. Manche Betroffene mit Spondyloarthritiden berichten, dass prozessierte stärkehaltige Nahrungsmittel wie Kuchen ihre Beschwerden verschlechtern – manchen geht es besser, wenn sie darauf verzichten, bei anderen hat es keinen Effekt.

Manche Betroffene berichten schon lange, dass ihnen der Verzicht auf rotes Fleisch oder bestimmte andere Nahrungsmittel gut hilft, andere sind total enttäuscht, weil sogar eine strikt vegane Ernährung keinerlei Effekte auf ihre Erkrankung hat. Woher kommt das?

Der Teufel steckt oft im Detail! Viele Ernährungsstudien haben gewisse Mängel, weil man nur unter sehr strengen Bedingungen genau wissen kann, was die Versuchsteilnehmenden essen. Außerdem waren die Mechanismen unbekannt, wie man über die Ernährung eine Erkrankung beeinflussen kann.

Wir haben jetzt ein besseres Verständnis darüber, welche Mikroorganismen, Stoffwechselprodukte und Botenstoffe die beobachteten Effekte durch Ernährung vermitteln können. Allerdings wird es keine generalisierten Ratschläge geben, sondern eher entsprechend der personalisierten Medizin Empfehlungen für Untergruppen einer Erkrankung, also keine allgemeine Rheumadiät. Wir müssen uns das analog zur Entwicklung von immunmodulierenden Medikamenten vorstellen. Da wirkt auch nicht jedes Medikament bei jedem Betroffenen.

Wir sehen zudem bei der Ernährung bestimmte Konstellationen, bei denen eine  Ernährungsumstellung besonders helfen kann, und andere Konstellationen, bei denen der Verzicht auf tierische Produkte wahrscheinlich nur wenige Effekte haben wird. Ich denke, in zehn bis 15 Jahren wird man mithilfe von Stuhl- und Bluttests besser vorhersagen können, ob bei jemandem eine bestimmte Ernährungsumstellung sinnvoll ist oder nicht.

Kann man das Mikrobiom auch mit sogenannten Probiotika beeinflussen?

Betroffenen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, die immunmodulierende Medikamente einnehmen, rate ich von der Einnahme solcher frei verkäuflichen Präparate ab. Die darin enthaltenen Bakterien können bei Immunsupprimierten in die Blutbahn übertreten. Einige Bakterienstämme können möglicherweise Entzündungen fördern.

Lassen Sie die Finger davon, bis Studien speziell für Ihre Erkrankungen vorliegen! Normalen Joghurt können Betroffene natürlich verzehren.

Welche weiteren Therapieansätze gibt es?

Einen Ansatz, den wir zuvor im Tiermodell für Lupus erfolgreich getestet haben, ist eine Impfung gegen schlechte Bakterien. Zudem versuchen wir, die Details der schlechten Bakterien besser zu verstehen, sodass man zukünftig vielleicht einmal gezielt solche Stämme entfernen könnte.

Biotechfirmen verfolgen aktuell für manche Autoimmunerkrankungen eine Phagentherapie, um Bakterien gezielt zu beeinflussen. Darunter versteht man spezielle Viren, die selektiv bestimmte Bakterienstämme töten können, und zwar genauer, als es Antibiotika können. Es wäre denkbar, mit speziellen Phagen genau die Darmbakterien abzutöten, die für unerwünschte entzündliche Reaktionen verantwortlich sind. 

Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 1-2026. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

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