CRPS: Komplex-regionales Schmerzsyndrom (früher Morbus Sudeck) – Symptome, Diagnose, Behandlung

Wenn zusätzlich Schwellungen, Hautveränderungen oder Bewegungseinschränkungen auftreten, könnte ein sogenanntes komplex-regionales Schmerzsyndrom (kurz: CRPS – für die englische Bezeichnung: complex regional pain syndrom) dahinterstecken. Früher wurde die Erkrankung auch Morbus Sudeck genannt. Sie tritt selten auf, ist aber für die Betroffenen oft sehr belastend. Umso wichtiger ist es, die Beschwerden frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.
Übersicht
- Was ist CRPS (Morbus Sudeck)?
- Wer ist betroffen?
- Wie äußert sich CRPS?
- Wie wird CRPS festgestellt?
- Wie sieht der Verlauf aus?
- Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
- Was kann ich bei CRPS selbst tun?
- Alltagstipps für Betroffene
- Unterschied zu Arthrofibrose
- Autor
Was ist CRPS (Morbus Sudeck)?
CRPS ist eine chronische Schmerzerkrankung, die meist nach einer Verletzung, einem Knochenbruch oder einer Operation an Armen oder Beinen auftritt. Typischerweise sind die Schmerzen dabei viel stärker, als man es vom Heilungsverlauf erwarten würde. Hinzu kommen oft Schwellungen, eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit sowie Probleme mit Beweglichkeit und Kraft.
Darüber hinaus kommt es zudem oft zu Veränderungen beim Schwitzen, beim Haar- und Nagelwachstum sowie der Hautfarbe und -temperatur. Die Beschwerden können sich im Verlauf verändern und sich auch auf benachbarte Gelenke oder den ganzen Arm beziehungsweise das ganze Bein ausbreiten.
Wer ist betroffen?
CRPS kann grundsätzlich jede/jeden treffen. Am häufigsten sind Frauen zwischen 40 und 60 Jahren betroffen, aber auch Männer und jüngere Menschen können erkranken. Das Risiko ist nach bestimmten Knochenbrüchen (zum Beispiel am Handgelenk oder Sprunggelenk) oder bestimmten Operationen höher als bei anderen Ursachen.
Auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Asthma, Osteoporose, Migräne oder rheumatische Erkrankungen scheinen ein etwas höheres Risiko zu haben. Wichtig ist: CRPS ist keine psychische Erkrankung – auch wenn psychische Belastungen den Verlauf beeinflussen können.
Wie äußert sich CRPS?
Zu den häufigsten Beschwerden zählen:
- Starke, brennende Schmerzen, die nicht zum Heilungsverlauf passen und oft schon bei leichten Berührungen auftreten.
- Schwellung und manchmal eine bläuliche oder rötliche Verfärbung der betroffenen Stelle.
- Überempfindlichkeit gegenüber Berührungen, Kälte oder sogar einem leichten Luftzug.
- Bewegungseinschränkungen und Kraftverlust, manchmal fühlt sich das Gelenk steif an.
- Veränderungen der Haut (zum Beispiel glänzend, trocken, blass oder vermehrter Schweiß).
- Veränderte Wahrnehmung der betroffenen Gliedmaße, etwa das Gefühl, der Arm oder das Bein gehöre nicht richtig zum Körper.
Manche Betroffene empfinden diese Symptome als beängstigend und finden es unangenehm, darüber zu sprechen. Dennoch ist es wichtig, dem ärztlichen Team alles zu schildern. Nur so kann die richtige Diagnose gestellt werden.
Wie wird CRPS festgestellt?
Die Diagnose wird anhand der Beschwerden und einer körperlichen Untersuchung gestellt. Es gibt klare Kriterien, die sogenannten Budapest-Kriterien, nach denen Ärztinnen und Ärzte vorgehen. Bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall und Kernspintomografie können zwar helfen, andere Ursachen auszuschließen oder typische Veränderungen (wie Knochenschwund oder Durchblutungsstörungen) sichtbar zu machen, sind jedoch für die Diagnose an sich nicht notwendig.
Wichtig ist: Es darf keine andere Ursache für die Beschwerden geben, wie zum Beispiel eine Nervenverletzung, die alle Symptome ebenfalls erklären würde.
Die Budapest-Kriterien (vereinfacht):
| Bereich | Symptome | Was die Ärztin/der Arzt sieht (Zeichen) |
| Schmerz | Anhaltender, starker Schmerz | |
| Sensorisch | Überempfindlichkeit, Schmerzen bei Berührung | Überempfindlichkeit, Schmerzreaktion |
| Vasomotorisch | Haut ist wärmer/kälter, Farbveränderung | Temperatur- und/oder Farbunterschied |
| Sudomotorisch/ Ödeme | Schwellung, vermehrtes/ vermindertes Schwitzen | Sichtbare Schwellung, feuchte/trockene Haut |
| Motorisch/ trophisch | Bewegungseinschränkung, Muskelschwäche | Eingeschränkte Beweglichkeit, Haut-/ Nagelveränderung |
Wichtig: Es müssen mindestens drei der vier Bereiche als Symptom und mindestens zwei Zeichen bei der Untersuchung vorliegen.
Wie sieht der Verlauf aus?
Die gute Nachricht: Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen heilt CRPS (weitgehend) wieder aus – vor allem, wenn frühzeitig behandelt wird. Bei einem Drittel bleiben leichte Einschränkungen zurück, und bei etwa jedem dritten Betroffenen gibt es länger anhaltende Beschwerden. Besonders wichtig ist, dass Sie sich nicht scheuen, frühzeitig Hilfe zu suchen, denn eine schnelle und gezielte Behandlung verbessert die Prognose deutlich.
CRPS verläuft meist in mehreren Phasen. Zu Beginn stehen starke Schmerzen, Schwellungen und Überwärmung im Vordergrund. Später können Bewegungseinschränkungen, Muskelabbau und eine Versteifung des Gelenks hinzukommen. In seltenen Fällen bleibt eine dauerhafte Einschränkung zurück.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Die Therapie von CRPS ist vielfältig und sollte immer individuell angepasst werden. Im Mittelpunkt steht die Kombination aus gezielter Schmerztherapie, Physiotherapie und, falls nötig, psychologischer Unterstützung.
- Medikamentöse Therapie: Zur Schmerzlinderung kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz, etwa Schmerzmittel, entzündungshemmende Mittel oder Medikamente, die gezielt auf Nervenschmerzen wirken. Auch ist es wichtig, bei der oft verminderten Knochendichte eine optimale Grundlage für den Wiederaufbau der Stabilität des Knochens zu schaffen. Hierfür ist ein ausreichender Vitamin-D-Spiegel wichtig, auch Osteoporosemedikamente (zum Beispiel Bisphosphonate) können zum Einsatz kommen.
- Physiotherapie und Ergotherapie: Bewegungsübungen, Lymphdrainagen und spezielle Techniken helfen, die Beweglichkeit zu erhalten und Schwellungen zu reduzieren. Auch das Training alltäglicher Bewegungen ist wichtig.
- Psychotherapie: Bei länger anhaltenden Schmerzen oder psychischer Belastung kann eine psychotherapeutische Begleitung helfen, besser mit der Erkrankung umzugehen.
- Weitere Verfahren: In manchen Fällen werden ergänzend Methoden wie Spiegeltherapie, Kälteoder Wärmeanwendungen oder Akupunktur eingesetzt. Ihr Behandlungsteam wird mit Ihnen besprechen, welche Verfahren für Sie geeignet sind.
Was kann ich bei CRPS selbst tun?
- Frühzeitig aktiv werden: Melden Sie ungewöhnlich starke oder anhaltende Schmerzen nach einer Verletzung oder Operation schnell Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser sind die Heilungschancen.
- Offen über Beschwerden sprechen: Schildern Sie alle Veränderungen, auch wenn diese Ihnen seltsam vorkommen. Nur so kann die Behandlung optimal auf Sie abgestimmt werden.
- Bewegung und Physiotherapie: Auch wenn es anfangs schwerfällt – Bewegung ist wichtig, um die Heilung zu unterstützen und dauerhafte Bewegungseinschränkungen zu vermeiden. Am wichtigsten ist es, so konsequent wie möglich die erlernten Eigenübungen umzusetzen. Betroffene haben ihre Fortschritte selbst in der Hand.
- Psychische Belastungen ernst nehmen: Ängste und Sorgen sind verständlich. Sprechen Sie diese an – sie können sich auf den Verlauf auswirken. Scheuen Sie sich nicht, psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Alltagstipps für Betroffene
- Geduld bewahren: Die Heilung kann Wochen bis Monate dauern. Lassen Sie sich nicht entmutigen, auch wenn es Rückschläge gibt.
- Rauchen verschlechtert die Prognose – versuchen Sie, darauf zu verzichten.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen kann Mut machen und wertvolle Tipps liefern.
- Regelmäßige Kontrolle: Bleiben Sie mit Ihrem Behandlungsteam in Kontakt, und nehmen Sie Kontrolltermine wahr.
- Suchen Sie frühzeitig spezialisierte Schmerzambulanzen oder Rheumazentren auf.
Unterschied zu Arthrofibrose
Bei der Arthrofibrose bildet sich im Gelenk schon früh nach einer Verletzung oder einer Operation zu viel Narbengewebe, welches die Bewegung erheblich einschränkt. Bedingt durch entzündliche Prozesse wirken betroffene Gelenke bei der Arthrofibrose ähnlich wie bei einem CRPS: druckempfindlich, gerötet und geschwollen.
Allerdings ist es für das CRPS unüblich, dass isoliert nur große Gelenke wie das Knie betroffen sind. Meist sind Hand oder Fuß entweder allein oder zumindest mitbetroffen. Dagegen kann eine Arthrofibrose durchaus isoliert auftreten, etwa ausschließlich an einem betroffenen Knie. Allerdings entstehen beide Erkrankungen nach aktuellem wissenschaftlichen Stand trotz einiger Gemeinsamkeiten vermutlich aus unterschiedlichen Gründen und werden auch unterschiedlich behandelt.
Wie wird Arthrofibrose behandelt?
Die Behandlung besteht meist aus mehreren Bausteinen:
- Physiotherapie: Das gezielte – meist vorsichtige und aktive – Training und die individuell angepasste Bewegungstherapie sind besonders wichtig, um das Gelenk wieder beweglich zu machen. Je früher damit begonnen wird, desto besser sind die Aussichten. Frühere aggressive passive Mobilisationen betroffener Gelenke werden von einzelnen Autorinnen und Autoren zunehmend kritisch gesehen. Allerdings gibt es nicht genügend Studien, die dazu ausreichend belastbare wissenschaftliche Daten liefern.
- Schienen und Bewegungshilfen: Spezielle Schienen oder Geräte können helfen, das Knie sanft zu bewegen und Verklebungen zu lösen.
- Medikamente: Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente können – wie bei rheumatischen Erkrankungen auch – die Beschwerden lindern und die Therapie unterstützen.
- Operation: Wenn die Beweglichkeit trotz Therapie nicht besser wird, kann ein operativer Eingriff notwendig sein. Dabei werden unter Narkose die Verklebungen möglichst schonend gelöst oder überschüssiges Narbengewebe entfernt. Auch diese Form der Therapie wird in der jüngeren Vergangenheit eher kritisch gesehen, weil die Gefahr besteht, erneut einen Reiz zur weiteren Narbengewebsbildung zu setzen.
Wichtig zu wissen: Arthrofibrose und CRPS sind zwar ähnlich in ihren Auswirkungen, aber die Ursachen und die Behandlung unterscheiden sich. Eine frühzeitige und konsequente Therapie ist bei beiden Krankheitsbildern entscheidend, damit das Gelenk/die Gelenke wieder möglichst beweglich und Folgeschäden vermieden werden.
Fazit: CRPS ist eine komplexe Erkrankung, die insbesondere nach Verletzungen oder Operationen auftreten kann und mit starken Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen einhergeht. Je früher die Diagnose gestellt und die Behandlung begonnen wird, desto besser sind die Heilungschancen. Zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen, und bleiben Sie aktiv – gemeinsam mit Ihrem Behandlungsteam können Sie viel erreichen.
Autor: Dr. Mike Zellnig ist Facharzt für Anästhesiologie, spezielle Schmerztherapie und Master of Health Business Administration. Er ist Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin am BG Klinikum Duisburg.
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 3-2026. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).
Weitere Informationen
Weitere Informationen und spezialisierte Ansprechpartnerinnen und -partner finden Sie zum Beispiel über die Deutsche Schmerzgesellschaft, die Deutsche Rheuma-Liga oder über Selbsthilfegruppen für CRPS-Betroffene.
Infos finden Sie auch im Flyer der Schmerzgesellschaft.
Ein Flyer der Berufsgenossenschaft ist online kostenlos abrufbar.
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