Arthrose – also die Abnutzung von Gelenkknorpel, sei es durch Alterserscheinungen, Fehlstellungen oder chronisch entzündliche Erkrankungen – betrifft Millionen Bundesbürger und geht mit einer massiven Einschränkung von Mobilität und Lebensqualität einher.
Neben der bewährten Behandlung mit Physiotherapie, Schmerzmitteln und operativen Eingriffen gibt es noch weitere ergänzende Maßnahmen, die dazu beitragen können, arthrotische Beschwerden zu lindern. In diesem Beitrag wird insbesondere auf die Rolle von Elektrotherapie, Röntgenbestrahlung und Akupunktur eingegangen.
Elektrotherapie – Strom gegen Gelenkschmerzen?
Elektrotherapie wird in der rehabilitativen Medizin aufgrund ihrer entzündungshemmenden und schmerzlindernden Wirkung weitverbreitet eingesetzt. Sie dient aber auch zum Lösen muskulärer Verspannungen und nicht zuletzt zum Muskelaufbau. Dabei gibt es vergleichsweise aufwendige Maßnahmen wie das sogenannte Stangerbad oder das Zwei- oder Vier-Zellen-Bad. Dabei wird der Körper ganz oder teilweise in ein Wasserbad mit Gleichstrom getaucht. Viel einfacher durchgeführt werden können Anwendungen wie TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation) und NMES (neuromuskuläre elektrische Stimulation) – häufig können Patientinnen und Patienten dies sogar selbst durchführen.
In beiden Fällen werden Klebeelektroden auf die Haut aufgebracht und über ein handtellergroßes Stimulationsgerät kurze Reizstromimpulse im ungefährlichen Niedervoltbereich abgegeben. Typische Zeitintervalle umfassen 30 Minuten ein- bis zweimal täglich, häufig kann für beide Verfahren sogar das identische Gerät verschrieben werden.
Die beiden Methoden unterscheiden sich jedoch in Bezug auf die angewandten Stromimpulse und die Lage der Klebeelektroden. Bei der TENS steht die Schmerzlinderung und Entzündungshemmung im Vordergrund, weshalb die Elektroden gelenknah aufgeklebt und schwächere Impulse verwendet werden, die ein sanftes Kribbeln erzeugen. Hingegen wird bei der NMES die Muskelkräftigung angestrebt, weshalb die Elektroden auf die gelenkumgreifende Muskulatur aufgebracht und stärkere Impulse verwendet werden, die zu sichtbarem Muskelzucken führen.
Wie bei vielen physikalischen Therapiemaßnahmen gibt es leider nicht viele gute Studien zur Anwendung der Elektrotherapie bei der Arthrose, weshalb die aktuelle Leitlinie zur Kniearthrose sogar von ihrem Einsatz abrät.
Radiotherapie – wirksame Strahlung?
Im Gegensatz zur Elektrotherapie wird beim Einsatz der Radiosynoviorthese (RSO) nicht nur eine Schmerzlinderung angestrebt, sondern auch eine Verminderung des entzündlichen Reizzustandes der Gelenkschleimhaut als Folge der Arthrose.
Die eigentlichen arthrotischen Veränderungen, also die Abnutzung des Knorpels, kann dieses Verfahren nicht rückgängig machen. Bei der RSO werden radioaktive Substanzen in die Gelenk-kapsel gespritzt, um dort die entzündliche Schleimhaut zu veröden. Dabei handelt es sich im Regelfall um eine einmalige Anwendung. Die RSO stellt in Deutschland eine sogenannte Off-Label-Therapie dar. Sie ist nicht offiziell für die Arthrose zugelassen, kann jedoch laut Leitlinie in begründeten Fällen dennoch durchgeführt werden, wenn andere Maßnahmen die Beschwerden nicht ausreichend lindern konnten.
Diese begründeten Fälle gibt es beispielsweise, wenn eine ausgeprägte Entzündung der Gelenkschleimhaut des Kniegelenks bei nur beginnender Arthrose (Stadium I/II) vorliegt oder wenn bei fortgeschrittener Arthrose des Kniegelenkes (Stadium III/IV) aufgrund des Allgemeinzustandes der Patientin/des Patienten keine operative Versorgung möglich ist. Das Risiko einer lokalen Gewebsschädigung durch die Strahlung oder durch die Strahlenbelastung des restlichen Körpers wird als gering angegeben.
Bei der Low-Dose-Radiotherapie (LDRT) wird zwar auch Strahlung eingesetzt, allerdings im Sinne einer klassischen Bestrahlung des Gelenkes ähnlich wie bei einer Krebsbehandlung – wenngleich mit deutlich niedrigerer Dosis. Ein typisches Behandlungsschema beinhaltet fünf bis acht Sitzungen. Obwohl die Bestrahlung eine lange Tradition in Deutschland hat, ist ihre Wirkungsweise bisher nicht im Detail verstanden. Auch hier wird von einer Schmerzlinderung durch entzündungshemmende Wirkung ausgegangen.
Zwar zeigen sich in Beobachtungsstudien positive Effekte durch die Bestrahlung. Jedoch konnte kürzlich in einer Vergleichsstudie mit einer Placebobestrahlung kein klarer Vorteil der Radiotherapie nachgewiesen werden. Dementsprechend sollte die Low-Dose-Radiotherapie nicht als Standardbehandlung betrachtet werden, sondern als sogenannte letzte Reserve – nicht zuletzt, da insbesondere bei jüngeren Betroffenen grundsätzlich Strahlenspätfolgen möglich sind.
Akupunktur – heilende Nadeln
Akupunktur ist ein zentraler Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Das Grundprinzip beruht auf der Annahme, dass im Körper eine Lebensenergie – das sogenannte Qi – über bestimmte Leitbahnen (Meridiane) fließt. Ist dieser Fluss gestört oder blockiert, können laut TCM Krankheiten oder Schmerzen entstehen. Durch das gezielte Einstechen feiner Nadeln an bestimmten Akupunkturpunkten soll der Energiefluss harmonisiert, Blockaden gelöst und damit Heilung gefördert werden. Bei der Moxibustion werden die Akupunkturnadeln zusätzlich noch erhitzt, bei der Elektroakupunktur unter Strom gesetzt.
Auch wenn die klassische westliche Schulmedizin auf vollständig anderen wissenschaftlichen Grundüberlegungen beruht, führten vielfältige positive Erfahrungen der letzten Jahrzehnte in unterschiedlichen Anwendungsbereichen zunehmend zu einer wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Therapiemethode. In mehreren klinischen Studien konnte demonstriert werden, dass Akupunktur tatsächlich wirksam sein kann, nicht nur im Vergleich zu gar keiner Therapie, sondern sogar im Vergleich zu einer Scheinakupunktur.
Neuere Studien zeigen zudem Hinweise auf eine überlegene Wirksamkeit der Moxibustion und der Elektroakupunktur im Vergleich zur normalen Akupunktur. Bei chronischen Rückenschmerzen und bei Arthrose des Kniegelenkes ist die Studienlage so gut, dass die gesetzlichen Krankenkassen seit 2007 die Kosten einer Akupunkturbehandlung übernehmen. Typischerweise besteht eine Anwendung aus bis zu zehn Sitzungen, verteilt auf bis zu sechs Wochen.
Gemäß der aktuellsten Studien beruht die Wirkung der Akupunktur vermutlich auf einer Kombination folgender Faktoren:
- Freisetzung verschiedener körpereigener schmerzlindernder und durchblutungsfördernder Substanzen, direkte Muskelentspannung beim Einstechen in einen muskulären Verspannungspunkt,
- Veränderung der Schmerzverarbeitung im Gehirn (im funktionellen Kopf-MRT sichtbar),
- Erwartungshaltung der Patientin/des Patienten und
- wohltuendes Ambiente während der Behandlung.
Aufgrund der nachweislichen Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung, insbesondere bei der Arthrose des Kniegelenkes, sowie dem sehr günstigen Nebenwirkungsprofil stellt die Akupunktur eine sinnvolle Ergänzung zur Standardtherapie dar.
Wichtig zu wissen
- Aufgrund der überschaubaren Datenlage ist bei der Auswahl adjuvanter Therapiemaßnahmen eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung besonders wichtig. Lassen Sie sich diesbezüglich am besten auch von Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin beraten. Er oder sie kennt Ihre individuellen Voraussetzungen (Nebenerkrankungen, Belastungsfaktoren etc.) am besten.
- Adjuvante Therapiemaßnahmen sollten immer nur Ergänzungen einer bewährten Standardtherapie darstellen, die auf jeden Fall aus Bewegungstherapie, Muskelkräftigung, Ernährungs- und Belastungsanpassung bestehen sollte.
- Die Arthrose sollte nicht isoliert betrachtet werden. Alle beteiligten Faktoren wie verändertes Gangbild, Schonhaltung, muskuläres Ungleichgewicht, aber auch die psychische Belastung durch die körperliche Einschränkung sollten mit erfasst und ganzheitlich therapiert werden. So können adjuvante Therapien die Behandlung der Arthrose sinnvoll ergänzen – sie stellen zusätzliche Möglichkeiten dar, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu fördern und damit die Lebensqualität spürbar zu verbessern.
Autorin: PD Dr. Julia Wölfle-Roos. Die Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie, Manuelle Medizin und Sozialmedizin ist Chefärztin Orthopädie/Schmerztherapie der m&i Fachklinik Ichenhausen.
Dieser Text erschien zuerst in der Mitgliederzeitschrift "mobil", Ausgabe 2-2026. Sechs Mal im Jahr erhalten Mitglieder der Deutschen Rheuma-Liga die Zeitschrift direkt nach Hause (jetzt Mitglied werden).

