27.04.2017

Osteoporose Medikamente

Bedeutung, Ursachen und Folgen der Osteoporose

Mit der Diagnose Osteoporose beschreiben Ärzte einen nicht-rückgängig zu machenden Knochenabbau mit erhöhter Knochenbrüchigkeit. Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden an Osteoporose. Frauen sind häufiger betroffen als Männer: etwa ein Drittel der Frauen aber nur ein Sechstel der Männer über 50 Jahre erkranken im Alter an Osteoporose.

Die Knochen werden oft irrtümlich für unveränderliche, steinähnliche Gebilde gehalten. Knochen sind aber in Wirklichkeit komplexe, ständig im Umbau befindliche Organe: Spezialisierte Knochenzellen, die Osteoklasten, bauen Knochen ab, während andere Knochenzellen, die Osteoblasten, neue Knochensubstanz bilden. Dadurch passt sich der Knochen stets optimal den Anforderungen (tragende Funktionen, Zugkräfte durch die Muskulatur) an. Überwiegt der Abbau den Neuaufbau kommt es zum unwiederbringlichen Verlust von Knochensubstanz. Röntgenärzte können diesen Knochenschwund mit der Messung der Knochendichte erfassen.

Verlauf einer Osteoporose

Die Osteoporose ist ein schmerzloser, schleichender Vorgang bei dem nicht nur die Menge der Knochensubstanz abnimmt, sondern auch die Architektur des Knochens so verändert wird, dass der Knochen den normalen Belastungen nicht mehr standhält. Es kann dann aus geringem Anlass oder spontan zu Knochen­brüchen kommen. Am häufigsten betroffen ist die Wirbelsäule, wo sehr schmerzhafte Wirbel­körperbrüche auftreten. Wirbelkörper können auch nach und nach zusammensacken und sich so der typische Witwenbuckel bilden. Eine andere häufige Osteoporose­folge ist die gefürchtete Schenkelhals­fraktur, ein Bruch des Oberschenkelknochens nahe dem Hüftgelenk. All diese Ereignisse zeigen an, dass bereits eine weit fortge­schrittene Osteoporose besteht. Das Risiko für weitere Knochen­brüche ist dann, auch bei bester Behandlung, hoch. Daher ist es entscheidend, die Osteoporose frühzeitig zu entdecken und rechtzeitig zu behandeln.

Ursachen

Die Ursachen der Osteoporose sind vielgestaltig. Oft liegen mehrere Risikofaktoren vor. Wichtigste Ursache ist der Mangel an weiblichen Geschlechtshormonen bei Frauen in und nach den Wechseljahren. Dies ist der Grund warum die Osteoporose überwiegend ältere Frauen betrifft. In jüngerem Lebensalter ist die Osteoporose meist die Folge anderer Erkrankungen (zum Beispiel rheumatoide Arthritis, systemischer Lupus erythematodes, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) und/oder der Behandlung mit Kortison-Präparaten (siehe Medikamentenführer Kortison-Präparate ).

Zur Diagnose wird der Arzt zunächst nach Warnsymptomen und Risiko­faktoren  fragen und eine körperliche Untersuchung vornehmen. Gegebenenfalls wird er Röntgenbilder, eine Knochendichtemessung und Laboruntersuchungen veranlassen um eine Osteoporose festzu­stellen oder auszu­schließen.

Vorbeugung und Therapie der Osteoporose

Eine gesunde Lebensführung ist die beste Osteoporosevorbeugung vom Säug­lings- bis zum Greisenalter. Gesunde Lebensführung heißt: abwechslungsreiche, Kalziumreiche (Milch und Milchprodukte) Mischkost; ausreichende körperliche Bewegung im Freien (Vitamin D-Bildung durch Sonnenlicht), Verzicht auf Nikotin, wenig Alkohol. Dadurch lassen sich etliche der Risikofaktoren ausschalten. Dazu sollte man eine ausreichende Vitamin D-Versorgung sicherstellen, gegebenenfalls auch durch zusätzliche Vitamin D-Gaben. Ebenso sollten zur Vorsorge 1000 mg Kalzium täglich mit der Nahrung aufgenommen werden.

Besteht eine Erkrankung, die mit Kortison-Präparaten behandelt werden muss, ist die genaue Einhaltung der ärztlichen Verordnung wichtig. Der Arzt seinerseits muss die Regeln der Kortisontherapie sorgfältig beachten (siehe Medikamenten­führer Kortison-Präparate,). Neben der Vermeidung unnötiger Kortison­gaben und besonders nebenwirkungsreicher Kortison-Präparate (zum Beispiel Kortison-Spritzen in den Gesäßmuskel) gehört dazu bei längerer Kortison-Therapie eine medikamentöse Osteoporose-Vorbeugung.

Bei bestehender Osteoporose kommen Maßnahmen zur Minderung der Sturz und somit Knochenbruchgefahr hinzu: gezielte krankengymnastische Übungen zur Steigerung der Muskelkraft und Koordination; Abschaffung von Stolperfallen in der Wohnung; Korrektur von Sehfehlern wie Kurzsichtigkeit oder grauem Star; Vermeidung von Medikamenten, die die Sturzgefahr erhöhen, wie Schlafmittel, Psychopharmaka oder Heuschnupfenmittel, so weit als möglich. Bei hohem Sturzrisiko empfiehlt sich das Tragen von Hüftprotektoren, das sind Hosen mit eingearbeiteten Schutzschalen. Hüftprotektoren verhindern zwar nicht den Sturz selbst, aber verringern das Risiko eines Schenkelhalsbruchs in Folge des Sturzes.

Basismedikamente gegen Osteoporose

Die Basismedikation bei einer bestehenden Osteoporose ist eine Vitamin D-Ergänzung und die Aufnahme von täglich 1000 mg Kalzium. Eine Kalzium Ergänzung ist nur notwendig, wenn nicht genug Kalzium (undefinedListe Kalziumgehalt einiger  Lebensmittel, aus der Osteoporosebroschüre) über die Nahrung aufgenommen wird. Die Kombination von Kalzium mit Vitamin D sorgen dafür, dass ausreichend Kalzium für den Knochen zur Verfügung steht. Zu betonen ist, dass diese Basismedikation, wie alle Osteoporose-Medikamente, erst bei bestehender Osteoporose angezeigt ist.

Spezielle Osteoporose Medikamente

Wann zusätzliche Medikamente zusätzlich notwendig sind, ist eine nicht immer einfache ärztliche Entscheidung. Eindeutig ist die Situation bei Auftreten eines osteoporotischen Knochenbruches: Hier wird zusätzlich zu Vitamin D und Kalzium ein Mittel aus der Gruppe der Bisphosphonate verordnet (undefinedsiehe Tabelle). Bisphosphonate hemmen den Knochenabbau und sind nachgewiesener Maßen wirksam zur Verhinderung weiterer Knochenbrüche. Wegen guter Studienergebnisse und des einfachen Therapieschemas werden Alendronat und Risedronat bevorzugt.

Bestehen noch keine Osteoporose-bedingten Knochenbrüche wird der Arzt das individuelle Risiko ermitteln und bei hohem Risiko für das Voranschreiten der Osteoporose zusätzlich ein Bisphosphonat verordnen.

Weitere Mittel, die bei Gegenanzeigen, Unverträglichkeit oder Unwirksamkeit der Bisphosphonate zur Verfügung stehen sind:

  • Denosumab ist ein Biologikum und hemmt sehr gut den Knochenabbau. Es muss zwei Mal pro Jahr unter die Haut gespritzt werden. Sowohl bei Bisphosphonaten als auch bei Denosumab besteht eine erhöhte Gefahr für Kiefernekrosen. Denosumab darf daher nicht gegeben werden, wenn eine Operation im Mundbereich geplant ist oder nicht verheilte Schäden nach einer solchen Operation bestehen. Vor der Therapie ist daher eine Zahnsanierung wichtig; während der Therapie eine gute Mundhygiene und regelmäßige Zahnkontrolle.

  • Unter bestimmten Umständen wird eine Therapie mit Östrogenen bei postmenopausalen Frauen mit hohem Frakturisiko empfohlen. Östrogene sind nur bei Unverträglichkeit oder Kontraindikationen gegenüber den anderen genannten Osteoporosetherapeutika unter sorgfältiger individueller Abwägung von Nutzen und Risiken einzusetzen. Erforderlich ist immer eine Zusatzbehandlung mit einem Gestagen. Dies gilt aber nur, solange die Frau noch ihre Gebärmutter hat (siehe auch undefinedLeitlinie Osteoporose: "Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei Männern ab dem 60. Lebensjahr und bei postmenopausalen Frauen. S3-Leitlinie des Dachverbands der Deutschsprachigen Wissenschaftlichen Osteologischen Gesellschaften e.V., Dachverband Osteologie e. V., 2014 , Lang- und Kurzfassung, Seite 192 ff).

  • Raloxifen bei Frauen während und nach den Wechseljahren. Raloxifen ahmt als selektiver Estrogen-Rezeptor-Modulator (=SERM) die Wirkung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen am Knochen nach und stimuliert dadurch den Knochenaufbau.

  • Strontium-Ranelat zeigt eine sehr gute Wirksamkeit gegen das Fortschreiten der Osteoporose bei geringen Nebenwirkungen (Durchfall, geringer Anstieg von Muskelenzymen). Nicht angewendet werden darf es bei Herz-Kreislauferkrankungen (KHK), einer peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) oder Schlaganfall.

  • Teriparatid, ein künstlich hergestelltes Parathormon. Parathormon ist ein körper­eigener Botenstoff, der bei einmal täglicher Injektion in das Unterhautfettgewebe die Knochenneubildung stimuliert. Teriparatid ist sehr teuer. Trotz seiner hohen Wirksamkeit ist es daher zur Zeit ein Reservemedikament bei sehr schweren Osteoporosefällen.

Alle oben aufgeführten Medikamente werden einzeln zu Vitamin D und Kalzium gegeben. Deren Kombination, wie zum Beispiel Raloxifen plus Bisphosphonate zusätzlich zur Basismedikation, ist Gegenstand klinischer Studien.

Weil die Osteoporose durch die Medikamente nicht geheilt, sondern nur das Voranschreiten gebremst wird, ist eine lebenslange Therapie erforderlich. Wegen der begrenzten Erfahrungen mit den speziellen Osteoporose-Medikamenten wird empfohlen, die Therapie nach ein paar Jahren zu überprüfen und wenn möglich eine Therapiepause zu versuchen. Für die Bisphosphonate liegen inzwischen Erfahrungen über eine 10-jährige Therapie vor, die zeigen, dass Bisphosphonate auch nach dieser Zeit noch wirksam und gut verträglich sind.

Nicht mehr verwendete Osteoporose Medikamente

Fluoride waren lange Zeit wichtige Osteoporose-Medikamente, weil Fluoride schnell zu einer Knochenneubildung führen. Wie man inzwischen herausfand ist der gebildete Knochen jedoch brüchiger als normaler Knochen. Fluoride werden daher nach gegenwärtigem Kenntnisstand nicht mehr empfohlen.

Schmerztherapie

Die Osteoporose selbst ist, wie eingangs erwähnt, schmerzlos. Die bei fortgeschritte­ner Osteoporose auftretenden Knochenbrüche erfordern dagegen eine konsequente Schmerztherapie mit Medikamenten (siehe Medikamentenführer Schmerz- und Entzündungshemmer), allgemeinen und physikalischen Maßnahmen. Um in dieser Situation die richtigen Entscheidungen für die Schmerztherapie und die weitere Osteoporosetherapie zu treffen, muss der Arzt über ausreichende Erfahrung verfügen und darf sich nicht scheuen, weitere Spezialisten (Schmerztherapeut, Orthopäde, Rheumatologe) hinzuzuziehen.

Zum Autor

Prof. Dr. med. Dirk O. Stichtenoth, Facharzt für Klinische Pharmakologie und Arzneimittelbeauftragter der MHH, Professur für Klinische Pharmakologie – Arzneimittelsicherheit, Institut für Klinische Pharmakologie.

Es erfolgte eine Aktualisierung der Seite im April 2017 durch Prof. Dr. med. Dirk O. Stichtenoth.